Freitag, 18. Mai 2012
 


Wenn Fritz Klein erzählt, werden Zauber und Albtraum der Vergangenheit lebendig. Trakehner Pferde waren und sind seit nunmehr 90 Jahren Wegbegleiter seines ereignisreichen Lebens – im heimatlichen Ostpreußen, im Lüneburg der Nachkriegsjahre und seit mehr als drei Jahrzehnten im Forsthaus Tiergarten. Seine Stute Capella erlebte Untergang, Chaos und Neubeginn. Ein Einzelschicksal, stellvertretend für so viele.

Schöckstupönen. Ein 238 ha großer Hof im Kreis Ebenrode, fast unmittelbar an der litauischen Grenze. Mitten im Hochzuchtgebiet der ostpreußischen Pferdezucht, unweit von Trakehnen, war die Remontezucht bei Familie Klein bedeutender Betriebszweig. Fritz Klein, Jahrgang 1915, musste nach dem frühen Tod seines Vaters jung für den elterlichen Hof sorgen. Er gehörte zu den Jahrgängen, die den Zweiten Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat erlebten. Die Nachfrage nach Pferden stieg in den Kriegsjahren; in Ostpreußen gab es mehr Pferde, Neueintragungen und Bedeckungen als je zuvor. 1941 kam auf Schöckstupönen ein Stutfohlen von Archimedes a. d. Carthagena v. Antrieb zur Welt. CAPELLA wuchs als Jährling und Zweijährige unbeschwert in der Herde heran. Fritz Klein war Soldat in Russland, wurde 1942 auf der Krim verwundet.

U.k. (unabkömmlich) gestellt nach dem Tod seiner Mutter, übernahm Klein im Frühjahr 1944 den elterlichen Hof. Für die Rappstute Capella begann der Ernst des Lebens: erstmals gedeckt, wurde sie im Sommer eingefahren und brachte die letzte Ernte in Ostpreußen mit ein. Remonte-Reiterinnen aus Lyck übernahmen das Anreiten der jungen Stuten. Ihre rechtzeitige Versetzung nach Soltau ermöglichte ein Wiedersehen nach Kriegsende – Kontakte, die Jahrzehnte halten sollten.

Schöckstupönen wurde im Oktober 1944 geräumt, Menschen und sechs Viererzüge im Kreis Preußisch-Eylau untergebracht. Für das nahe Trakehnen hingegen bestand Räumungsverbot. Erst am 17. Oktober durften 800 Gestütspferde in zehn Herden nach Georgenburg evakuiert werden, von wo sie Ende Oktober teilweise in Land- bzw. Privatgestüte weiter im Westen verladen wurden. Im November 1944 wurden die Russen aus Nemmersdorf zurückgeschlagen und die Front stabilisierte sich. Das Grauen der Massaker von Nemmersdorf aber war in den Köpfen der Menschen allgegenwärtig.

Rettung wervoller Stuten

Ein familiärer Geniestreich ermöglichte die Rettung von vier Stuten aus der Kleinschen Zucht: Georg Heyser-Degimmen, Schwager von Fritz und Jochen Klein, war im April 1944 mit seiner Remonte-Schwadron von Suwalki nach Lüneburg verlegt worden. Er vermochte Jochen Klein als guten Remonte-Reiter von der Front in Russland nach Lüneburg abzuziehen. Als Heyser im November 1944 den Auftrag bekam, die noch in Ostpreußen verbliebenen, rohen Remonten per Bahn nach Lüneburg zu holen, schickte er Jochen Klein. Der bekam es fertig, den Wehrmachtstransport stark zusammenzurücken, so dass in den Waggons Platz für vier Heysersche Stuten und vier Stuten aus Schöckstupönen blieb. Capella war dabei und verdiente sich in Lüneburg ihren Lebensunterhalt vorübergehend als Kutschpferd. Zwei weitere Stuten, darunter die wertvolle Adamas ox -Tochter HANDLUNGSWEISE arbeiteten in der Knochenfabrik. Ein zweiter Remontetransport im Januar 1945 wurde angegriffen und vernichtet – Jochen Klein fiel im Einsatz für Trakehner Pferde.

Ostpreußen war abgeschnitten, die Flucht der Zivilbevölkerung unter unvorstellbaren Bedingungen bedeutete für die Menschen den Verlust der Heimat, aller Besitztümer und oft der Angehörigen. Die Trecks starteten zwischen dem 18. Januar bis in die ersten Februartage – ab dem 22. Januar blieb nur der Weg über das Eis des Frischen Haffs.

Fritz Klein war im Januar 1945 zum Volkssturm einberufen worden. Sein Gespann mit zwei ostpreußischen Stuten brachte ihn nach Königsberg, von dort weiter durch das Pillauer Tief bis nach Danzig, wo er wieder Soldat wurde. Am 10. April auf Hela verwundet, verdankte er es wiederum diesen beiden Stuten, am 11. April rechtzeitig auf ein Lazarettschiff zu kommen, das am 12. April in Sassnitz auf Rügen anlegte.

Im Februar 1945 hatte Magdalene Heyser in Artlenburg an der Elbe einen Hof mit 100 Morgen pachten können, auf dem auch die hochtragende Capella untergekommen war. Fritz Klein hatte von der Hofpachtung seiner Schwester Nachricht bekommen und ließ sich zur ambulanten Behandlung nach Lüneburg entlassen. Einen Arm in Gips, im anderen einen Koffer, traf er in Artlenburg ein. Das Dorf geriet in den letzten Kriegstagen unter englischen Artilleriebeschuss und musste geräumt werden. Einige der ostpreußischen Stuten traf dieser letzte Angriff tödlich. Capella bekam einen Splitter in die Brust und war nicht zu bewegen, ihren Stall zu verlassen. So blieb Fritz Klein nur übrig, die Stalltür zu öffnen und die Stute sich selbst zu überlassen.

Einige Wochen später erfuhr Klein, dass Capella mit einem Fohlen in der Feldmark gesehen worden war. Die Stute hatte also überlebt und gesund gefohlt. Im Herbst 1945 durften die Bewohner wieder nach Artlenburg zurück und Magdalene Heyser entdeckte die Stute auf einer Weide – ein Kaltblutfohlen bei Fuß! Fritz Klein jedoch besaß die Papiere und bekam Capella mit großer Mühe von einem Bauern zurück, der sie sich widerrechtlich angeeignet hatte. Auch das bereits verkaufte Fohlen kehrte zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurück. Der Bauer hatte Capella nach dem Absetzen ein Kaltblutfohlen „untergejubelt“.

Dr. Fritz Schilke brannte die kleine CALLA v. Meridian, einem Bussard-Sohn. Capella erhielt durch Dr. Schilke einen Platz in der Stutenherde auf Hunnesrück, wo 50 Stuten von Flüchtlingen, die keine ausreichende Futtergrundlage hatten, Aufnahme fanden. Die Stuten brachte in Hunnesrück zwei Fohlen, im dritten Jahr blieb sie güst und Fritz Klein musste sie wieder abholen. Als Treckstute war auch Capellas Mutter, St.Pr.St. CARTHAGENA, eine Enkelin des berühmten Hauptbeschälers Cancara, mit Kleins erstem Gespannführer aus Schöckstupönen wohlbehalten im Westen gelandet – allerdings im holsteinischen Cismar, 160 km von Lüneburg. Unmittelbar nach Kriegsende verordnete die Militärregierung die drastische Reduzierung des Pferdebestandes – wie viele Treckpferde1945/46 auf den Schlachthöfen landeten, ist nicht nachvollziehbar. Als der frühere Gespannführer jedoch vom Heyserschen Hof in Artlenburg erfuhr, stand es außer Frage, dass die Stute zu Fritz Klein zurückkam. Sie verdiente sich ihr Futter später in einem Reitstall.

Hochzeit dank Handlungsweise

Die Stute Handlungsweise machte Fritz Klein nicht nur zum frühen Hengstzüchter im Westen, sondern darf sich posthum sogar als Ehestifterin rühmen: Georg Heyser hatte den von seinem Vater gezogenen Georgenburger Beschäler SALDO angeblich unfruchtbar vom Landgestüt Celle übernommen. Der Hengst bezog mit der rossigen Handlungsweise eine kleine Weide in Artlenburg. Fritz Klein hatte seine spätere Frau zum Tanzen eingeladen, und zum Heimweg zur Polizeistunde gehörte bei den Pferdeleuten der kleine Umweg zur Weide. „Beide Pferde lagen und wachten auf als wir kamen. Der Hengst deckte die Stute und dann gingen die beiden nicht etwa ihrer Wege, sondern fingen an zu schmusen – und wir stehen so daneben und ich bin zu meinem ersten Kuss gekommen.“ Erinnerung an Pfingsten 1947. Im September war Verlobung und im Juli 1948 wurde geheiratet. Das im Zuge der Währungsreform gezahlte Kopfgeld reichte gerade für die Hochzeitsformalitäten und einen Brautstrauß. Das junge Paar zog für drei Monate in einen fensterlosen Bauwagen. „Wir waren arm, aber glücklich.“

Handlungsweise brachte ein Hengstfohlen zur Welt. SANDOR ging als Absetzer für die damals astronomische Summe von 600 DM an Arno Tummescheit, der etwas später auch die Stute erwarb. Sandor wurde gekört und 1953 über die Auktion an „Kräuterschnapskönig“ Underberg verkauft. Das Ehepaar Klein aber erwarb im Herbst 1948 für 100 DM einen Holzschuppen, in dem die Familie drei Jahre Seite an Seite mit zwei Pferden und einer Kuh lebte. „Den haben nicht mal die Zigeuner gefunden“, erinnert Annemarie Klein sich schmunzelnd.

Die inzwischen dreijährige Calla holte Fritz Klein abgemagert und in schlechtem Zustand von einem Bauern zurück, bei dem sie ein Jahr lang ihr Futter verdient hatte. Klein bearbeitete mit den beiden Stuten 30 Morgen Land auf dem Flugplatz in Lüneburg und durfte das Gras für die Pferde umsonst nutzen.

Im Rheinland setzten einige renommierte Kaltblutzüchter angesichts der Mechanisierung der Landwirtschaft schon Anfang der fünfziger Jahre auf Gestütsgründungen mit Edelpferden. Der Trakehner Verband vermittelte im Herbst 1950 den Kontakt von Carl Bolten, Rittergut Schick bei Euskirchen, zu Fritz Klein. Capella und Calla hatten sich von den Strapazen der vergangenen Jahre gut erholt … für zusammen 2.400 DM zogen die beiden ostpreußischen Stuten aus der Heide ins Rheinland. Für Familie Klein war damit der Grundstock für ein festes Dach über dem Kopf, ein Siedlungshäuschen am Rande Lüneburgs, gelegt. Es sollte zehn Jahre dauern, bis der Kauf des Forsthaus Tiergarten dem Einzug von vier Trakehner Stuten den Weg ebneten.   IE

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