Freitag, 18. Mai 2012
 


Zuchtleiter Lars Gehrmann berichtet über erfolgreiche Deckhengste im Turniersport der vergangenen Saison.

Die Geschwindigkeit des Zuchtfortschritts steigt unter anderem mit zunehmender Genauigkeit der Informationen über die Eigenleistung der Elterntiere. Die Aussagekraft der Hengstleistungsprüfungen ist inzwischen auf dem Rückzug, denn zu häufig sind frühe HLP- Ergebnisse und spätere Hengstkarrieren nicht in Übereinstimmung zu bringen. Auch das Indexsystem führt längst nicht mehr zu einer Verbesserung des Informationsgehaltes, da bei zunehmender Zahl der Prüfungsanstalten die Teilnehmerfelder eher rückläufig sind. Die Eigenleistung eines Hengstes im Turniersport hat dagegen an Bedeutung gewonnen. Dies ist auch abzulesen an den Bedeckungszahlen der im Sport sehr erfolgreichen Hengste. Früher wussten viele Züchter solche Erfolge geringer zu schätzen als heute. Und für mehrere sportliche Trakehner Hauptakteure wie SOLERO, GRAFENSTOLZ, HEOPS oder MÜNCHHAUSEN bildet der Sport eine wichtige Werbeplattform. Der Züchter liest am sportlichen Erfolg  auch die Fähigkeit der Leistungssteigerung eines Hengstes ab, die ihrerseits wesentlich vom Know-how der Ausbildung abhängt. Und die kann sich ein Hengst leider nicht selbst aussuchen. Aber auch Merkmale wie Leistungsbereitschaft, Kampfgeist, Nervenstärke, Ehrgeiz, Rittigkeit und Bewegungsqualitäten sind in der sportlichen Präsentation ablesbar – und dies oft aussagekräftiger als auf einer Hengstschau oder der Hengstleistungsprüfung.

Die Grundlage der vorliegenden Auswertungen bilden die Siege und Platzierungen von Trakehner Pferden auf deutschen Turnierplätzen im Zeitraum vom 1. Oktober 2004 bis 30. September 2005. Dieser Zeitraum entspricht dem bisher verwendeten Muster eines Turnierjahres. Insgesamt waren 84 gekörte Trakehner Hengste in diesem Zeitfenster sportlich so erfolgreich, dass sie im Geld waren. Das ist eine stolze Zahl mit einer Alters-Spannbreite der Akteure zwischen drei und zwanzig Jahren. Diese große Breite von 17 Jahren markieren der im Juni 2002 geborene Prämienhengst KASIMIR und der 20-jährige Hauptvererber CAPRIMOND, die beide  jeweils 250 Euro gewonnen haben. Mit dem neuen Modus der Züchterprämien ändert sich dieser Zeitraum und gilt zukünftig vom 1. Januar bis 31. Dezember eines Jahres.

Viele im Ausland gestartete oder stationierte Trakehner Hengste sind in dieser Zusammenstellung nicht adäquat repräsentiert, weil ihre Gewinnsumme in Wirklichkeit viel höher ist. Dabei handelt es sich um Auslandserfolge, die die Auswertung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung  leider nicht berücksichtigen kann. Am stärksten betroffen ist sicher der Trakehner Siegerhengst Gribaldi, der weltweit zu den 15 erfolgreichsten Dressurpferden der abgelaufenen Saison zählt, aber aufgrund seiner international weit verzweigten Erfolge hier nur mit einem Bruchteil seiner Gewinnsumme repräsentiert ist. Auch die Jahresgewinnsummen der Hengste POLARION, PERON JUNIOR und BENEDICT N AA liegen wahrscheinlich erheblich über den in Deutschland gewonnenen Geldern.

Gewinnsummen mit Aussagekraft

Die Tabelle 1 (S. 22) listet 18 gekörte Hengste mit mehr als 1.000 Euro Gewinnsumme im Auswertungszeitraum auf. An der Spitze steht der bekannte Hengst SOLERO vom Gestüt Tannenhof im Taunus, der mit Anja Plönzke im Sattel unter anderem Dritter bei den Deutschen Meisterschaften war. Solero wurde aufgrund seiner Erfolgssaison auch zum „Trakehner des Jahres 2005“ ernannt und steht den Züchtern ab diesem Jahr wieder über Frischsamen zur Verfügung.

Auf dem zweiten Platz folgt der großformatige HEOPS vom Gestüt Tasdorf, der sich mit Isabell Heckmann auf Anhieb in die Herzen der Trakehner Züchter sprang. Er präsentiert im Jahre 2006 seinen ersten und mit Spannung erwarteten Fohlenjahrgang. Auch nach diesem Auswertungszeitraum waren die beiden weiterhin erfolgreich und platzierten sich unter anderem im Großen Preis von Vechta Ende Oktober. Auf Platz drei folgt SCHNEESTURM, dem in diesem Jahr der Sprung in die internationale Spitze gelungen ist. Schneesturm kommt aus der Zucht und dem Besitz von Familie Asböck in Marchtrenk/Österreich, wo schon seit vielen Jahren mit viel Idealismus besonders erfolgreiche Trakehner Springgene zusammengeführt werden. Trotz eines sehr verlockenden Angebots für Schneesturm aus Übersee ist Familie Asböck standhaft geblieben, so dass der Abdullah-Sohn hoffentlich zukünftig noch mehr Einfluss auf die Gesamtzucht nehmen kann.

Mit GRIBALDI folgt auf Platz 4 des Gewinnsummen-Rankings der international anerkannte Trakehner Elite-Hengst von der Station van Uytert in den Niederlanden. Laut WBFSH-Auswertung war er der erfolgreichste Trakehner Dressurhengst des vergangenen Jahres. Er war überwiegend im Ausland am Start und tritt dann öffentlich nicht selten unter der KWPN-Flagge auf, was als hartnäckiger Fehlerteufel der Datentechnik zu interpretieren ist.

Wenn eingangs auch honoriert wurde, dass immer mehr Züchter den sportlichen Erfolg eines Zuchthengstes zu schätzen wissen, so gibt es leider immer noch viele Hengste, denen aufgrund ihrer vorbildlichen Leistungen unter dem Sattel deutlich mehr Stuten zu wünschen wären. Dazu zählen in der Übersicht der Tabelle 1 zum Beispiel die Hengste KAIROS, POLARZAUBER und KAPRIOLAN auf den Plätzen sieben, acht und neun. Kairos wurde aufgrund seiner Eigenleistung gekört und dürfte auch für schwerere und nicht so typstarke Stuten eine interessante Alternative im Rahmen einer springbetonten Anpaarung sein. Polarzauber stieg erst in der vergangenen Saison in die Zucht ein und erhielt leider nur fünf Stuten. Das ist seiner Eigenleistung nicht angemessen, zumal er der einzige Sohn von Charly Chaplin ist. Und Kapriolan kommt ebenfalls beständig mit Erfolgen aus dem Dressur-Viereck, wobei er sich als positiver Bewegungsvererber schon mehrfach bewiesen hat.

Knapp verpasst haben den Sprung in diese Tabelle 1 die Hengste Insterburg, El Greco und Polarion. Der Prämienhengst INSTERBURG blieb mit einer Jahresgewinnsumme von 991 Euro knapp unter der Tabellengrenze. Aber nach seinen großartigen Auftritten in Verden und Warendorf dürfte er sich in dieser Decksaison über mangelnden Damenbesuch nicht beklagen. Der vielseitige EL GRECO mit seinem großen Kämpferherz hat höheren züchterischen Zuspruch verdient. Er gewann im vergangenen Jahr 970 Euro. Die 800 Euro, die für POLARION als Jahresgewinnsumme ausgewiesen werden, dürften in Wirklichkeit aufgrund seiner Auslandserfolge wesentlich höher sein.

Nachwuchs stimmt optimistisch

Tabelle 2 (S.24) zeigt einen Überblick der gewinnreichsten Hengste nach Geburtsjahrgängen. Aufgeführt sind gekörte Trakehner Hengste, die 250 Euro und mehr im oben genannten Auswertungszeitraum gewonnen haben. Bei den Dreijährigen stehen die beiden Bundeschampionats-Teilnehmer LE ROUGE und KASIMIR erwartungsgemäß an der Spitze. Etwas mager ist die Ausbeute bei den Hengsten des Geburtsjahrgangs 2000, den nur der Hengst GOLDSCHMIDT in dieser  Liste vertritt. Dagegen stellt der Jahrgang 1999 mit sieben Hengsten die meisten Vererber mit einer Gewinnsumme von über 250 Euro. Dieser Jahrgang wird angeführt vom Bundeschampion KAISERDOM. Natürlich kann das große Geld erst im höheren Alter verdient werden, doch muss an dieser Stelle auch einmal positiv erwähnt werden, dass in jedem Jahr einer Gruppe von Hengsten der Sprung in die Klasse S gelingt. Dies spiegelt sich nicht immer in der Höhe der Gewinnsumme wieder, denn diese ist auch abhängig von der Zahl der Turnierstarts.

Im Jahr 2005 gelang 8 gekörten Hengsten ihre erste S-Platzierung: GRAFENSTOLZ in der Vielseitigkeit, ELOQUENT und SIR GRADITZ im Springen und den Hengsten SCHÖNGLANZ, KING ARTHUR, PERON JUNIOR, KAISERKULT und KANTADOU in der Dressur. Diese Statistik kann sich sehen lassen. So haben zum Beispiel Grafenstolz  und King Arthur bei ihrem ersten Start in Klasse S auf Anhieb gewonnen.

Die Geburtsjahrgänge 1990, 1991 und 1992 sind in der Tabelle 2 leider gar nicht vertreten. Aber unter den 15-jährigen und älteren Hengsten befinden sich mit WAITAKI, LONG DEAL, BENZ und CAPRIMOND immerhin noch vier „alte Kämpfer“, die mit ihren S-Platzierungen beweisen, dass sportlicher Erfolg und züchterischer Einsatz auch im höheren Alter kombinierbar sind. Auch das ist ein Ausdruck von Leistungsbereitschaft, Gesundheit und Formstabilität.

In der Tabelle 3 sind die gekörten Hengste hinsichtlich der Anzahl ihrer Siege geordnet. Aufgeführt sind Vererber mit mehr als 2 Siegen. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass auch in dieser Tabelle eine Reihe von Auslandssiegen unberücksichtigt bleibt. Mit Abstand vorn liegt der Hohenstein-Sohn THALYS mit 12 Siegen. Der 1999 geborene Vollbruder zu Tambour aus dem Besitz von Peter Schmitz in Belgien steht bei Hans-Ulrich Hollmann-Raabe in Bielefeld und erntete diverse Siege in Dressurprüfungen bis Klasse L und Platzierungen bis Klasse M mit der beachtlichen Jahresgewinnsumme von 1.165 Euro. Es folgen mit 7 Siegen die bereits erwähnten Hengste POLARZAUBER und KAISERDOM, der leider nicht im Deckeinsatz steht, sondern sich mit Katrin Meyer zu Strohen derzeit ganz dem Dressursport widmet. Mit 6 Siegen folgen Kapriolan und KAROLINGER I, der nach dem Erreichen des Finales beim Bundeschampionat der vierjährigen Hengste bei der Medinger Auktion den Spitzenpreis erzielte und in diesem Jahr sicher steigende Bedeckungszahlen verzeichnen dürfte.

Insgesamt fällt der Turnierrückblick für die gekörten Trakehner Hengste also durchaus positiv aus und unterstreicht die Bedeutung des sportlichen Einsatzes von Zuchthengsten. Mit ihrer guten Leistung tragen sie wesentlich dazu bei, dass der Trakehner als Sportpferd in allen Disziplinen an Beachtung gewinnt. Deshalb sollten die sportlichen Ergebnisse von Zuchthengsten auch in die Anpaarungs-Überlegungen der Züchter mit einfließen. Dabei spielt sicher nicht allein die Gewinnsumme am Ende eines Jahres die wichtige Rolle, vielmehr sollten die Züchter sich ein eigenes Bild machen und den Turnierplatz häufiger für Studienzwecke aufsuchen.

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