Freitag, 18. Mai 2012
 


Trakehner Züchter seit einem halben Jahrhundert, seit 30 Jahren Ehrenamtlicher in den Gremien des Verbandes, 20 Jahre lang Mitglied der Körkommission – Zahlen, die einen Menschen beschreiben, der sein Leben in den Dienst des Trakehner Pferdes gestellt hat. Ende des Jahres 2005 erhielt Hans-Werner Paul das Bundesverdienstkreuz.

Pferdepassion war dem ostpreußischen Bauernsohn in die Wiege gelegt: Auf dem väterlichen Hof Rudwangen im Kreise Sensburg inmitten Masurens herrlicher Seenlandschaft war auch eine ostpreußische Warmblutzucht Trakehner Abstammung zuhause. Remontezucht stellte wie bei so vielen ostpreußischen Landwirten einen wichtigen Betriebszweig dar. Eine „gestoßene Remonte“, also eine von der Kommission abgelehnte Remonte, war es, die den größten Erfolg nach Rudwangen brachte: NURMI v. Merkur und Hauptmann Stubbendorff holten sich nach einem gleichermaßen dramatischen wie ästhetischen Ritt die Goldmedaille in der Military anlässlich der Olympischen Spiele Berlin 1936. Flucht und Vertreibung vernichtete Heimat, Hab und Gut. Pferdezucht und Zuchterfolge blieben vorerst der Erinnerung vorbehalten.

Doch mit ostpreußischer Zähigkeit gelang bereits im Jahre 1951 im holsteinischen Rethwisch b. Preetz der Neuanfang. Der frühe Tod des Vaters im Jahre 1957 ließ Hans-Werner Paul als Versorger von Mutter und Geschwistern und in der Bewirtschaftung des Hofes bereits in der Jugend große Verantwortung tragen. „Pflichterfüllung“ bedeutet für ihn kein leeres Wort, es hat später seinen Weg als Amtsträger in vielen Funktionen des Trakehner Verbandes geprägt. Hans Paul hatte im Jahre 1951 mit OKA v. Eispalast und SAALECK v. Erhabener zwei der wertvollsten der geretteten Stuten der Dohnaschen Zucht nach Rethwisch geholt. Ihre Familien blühten hier auf und zählen heute zu den tragenden Blutlinien der Gesamtzucht.  Aus dem Stamm der arbeitstreuen, stets leistungsbereiten Saaleck sind in der Paulschen Zucht drei neue Familien entstanden: Familie O35A1 Schwalbe, Familie O35A2 Serenade, Familie O35A3 Schwedenmädel.

Okas Familie wird in Rethwisch bis zum heutigen Tage gepflegt. In ihrem hohen Adel und der Formschönheit ihres Körperbaus galt die Magnet-Tochter OVATION als ein Ausnahmepferd. Ordenglanz, Onassis und Orpheus (beide USA) sowie der junge, wertvolle Oliver Twist vertreten die O-Familie im Beschälerbestand. Große Zuchterfolge brachte auch die Hunnesrücker Boris-Tochter CORVINA nach Rethwisch. Drei ihrer Söhne wurden gekört: der Nannhofener Cornelius v. Donauwind, der sportliche Coktail v. Habicht und der schönlinige, hochedle Corvin v. Schwärmer. Corvinas Enkelinnen COULEUR und CORONA v. Kassiber sowie CORDULA v. Schiwago beherrschten jahrelang die regionalen, Bundes- und DLG- Schauen und waren als Familie kaum zu schlagen. Zahlreiche wertvolle Mutterstuten haben Rethwisch verlassen, um neue Zuchten und neue Zweige ihrer Familien zu begründen. Trakehner Pferde der Zucht „Paul-Rethwisch“ stehen heute in der ganzen Welt.

Die Notwendigkeit des Erhalts des klaren Trakehner Typs in Reinzucht stellt für Hans- Werner Paul eine der oberen Prämissen aller züchterischen Bemühungen dar. Eine erfolgreiche Zukunft des Trakehner Pferdes sieht er jedoch in der steten Verbesserung von Reitpferdeeigenschaften und Bewegungsqualität und ist gern bereit, Kompromisse zu machen, wenn nur der Nimbus der Sportlichkeit gewahrt bleibt. So trifft man ihn häufig auf den großen Turnieren in Holstein; bei den Warmblutzüchtern im Land zwischen den Meeren genießt er hohe Achtung.

Sein Zuchtbezirk blüht: Er ist ein Meister des Delegierens und vermittelt den ihn umgebenden Mitarbeitern eine motivierende Verantwortlichkeit. Es herrscht Eintracht im Zuchtbezirk, gemeinsam arbeitet man für die Pferde. Die Veranstaltungen im Norden haben Vorreiter-Funktion. In seiner bedächtigen, fast „weisen“ Art gelingt es ihm, Menschen zusammenzuführen. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Förderung der Trakehner Jugend, die Motivierung einer jungen Züchtergeneration, denn die große Fluktuation im Verband beobachtet er mit Misstrauen.

Seit 1976, den ersten Wahlen nach Zuchtbezirkssystem, ist er dabei, damals als stellvertretender Bezirksvorsitzender, seit 1979 hat er die Geschicke des Zuchtbezirks als Vorsitzender in Händen. Es war ein bewegender Moment, als er am 27. Januar 2006 das Amt an seinen Nachfolger übergab; eine Ära ist damit zu Ende gegangen. Der Zuchtbezirk dankte ihm mit gerahmten Originalausgaben des „Sankt Georg“ aus dem Jahre 1936, in denen auch Nurmis olympischer Siegesritt, kommentiert vom großen Hippologen Gustav Rau, dokumentiert ist.

1980 wurde er in die Körkommission gewählt, ein Amt, das er bis 2001 innehatte. Es beschreibt seine Einstellung, dass er freiwillig aus dieser Position ausschied, um jüngeren Bewerbern den Weg zu ebnen. Seit 1994 vertritt er die Züchterschaft im geschäftsführenden Vorstand, seit 2003 als 1. Stellvertretender Vorsitzender in diesem Gremium. Er gilt hier als ein Hüter der Reinzucht, Bewahrer von Kultur und Tradition – von Kultur auch in häufig kontrovers geführter Diskussion, wo er als ausgleichendes Moment Achtung genießt.

Als Hippologe hat er internationalen Ruf: Die Landes- und Bundesschauen sahen und sehen ihn als Richter; dänische, englische, niederländische, polnische, litauische, amerikanische und Schweizer Züchter sprechen seinen Namen mit Hochachtung aus. Die Kraft für seine vielfältigen und häufig genug erschöpfenden Tätigkeiten im Dienste des Trakehner Pferdes schöpft er aus seinem Zuhause, im Kreise seiner Familie, der Kinder und Enkel und selbstverständlich bei seinen Pferden. Seine Frau Christiane hütet und pflegt dabei die aus Ostpreußen überlieferte Tradition eines stets gastfreien Hauses. Da wundert es den Besucher nicht, wenn er das Paulsche Anwesen in Rethwisch am „Trakehner Weg 5“ findet.   Erhard Schulte

SUMMARY:

In August 2005, Hans-Werner Paul has been awarded the Cross of the Order of Merit. This honour was bestowed on the accomplished horseman and breed judge of international standing for his life-long dedication to voluntary work for the benefit of the Trakehner breed. A breeder of Trakehner horses since 50 years, he was chairman of the breeding district Schleswig-Holstein for 30 years and a member of the stallion certification committee for 20 years. Nurmi, the winner of an Olympic gold medal in Berlin 1936, is the most famous horse bred by the Paul family in East-Prussia. In Rethwisch near Preetz H.W. Paul continues the family tradition. Today, Rethwisch-bred Trakehners from the O- and C-family can be found all over the world.

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