Mittwoch, 30. Juli 2014
 


Schlobitten und Prökelwitz, Namen aus verklungenen Zeiten, die eines der ältesten, umfangreichsten und qualitätvollsten Privatgestüte der Ostpreußischen Warmblutzucht Trakehner Abstammung beschreiben. Alexandra Gräfin Dohna hat das große züchterische Erbe ihrer Vorfahren mit neuem Leben erfüllt.

Kaum ein anderes der großen Privatgestüte Ostpreußens hat durch seine Stutenstämme der Trakehner Zucht der Gegenwart so wichtige Impulse vermittelt wie die Zucht der Fürsten zu Dohna. In Ostpreußen galt sie als die älteste Warmblutzucht und ließ sich auf die Blütezeit des Deutschen Ritterordens zurückführen. So wurde in Schlobitten das älteste deutsche Stutbuch aus dem Jahre 1623 gehütet.

Die Deckstationen Schlobitten und Prökelwitz beschickte das Landgestüt Braunsberg. Berühmte Vererber wie FLÜGEL, TEMPELHÜTER und IRRLEHRER, THRONHÜTER und EISPALAST sowie POLARSTERN waren hier stationiert. Die letzten Jahre in der Heimat wurden züchterisch durch INDRA v. Ararad und ERHABENER v. Neander bestimmt. Die 35-köpfige Mutterstutenherde, überwiegend Rappen, prägten somit dieselben Blutströme wie die Herden des Hauptgestüts Trakehnen. Erheblichen Anteil an dem züchterischen Hochstand des Gestüts hatten die Inspektoren und Gestüter, meist seit Generationen im Dienst der Fürsten-Familie. So zeigen 1936 die Worte des Inspektors Feldmann eine besondere Einstellung zu den ihm anvertrauten Pferden: „Selbstverständlich wird mit aller Energie darauf gesehen, dass die Mutterstuten, die restlos in den Gespannen mitarbeiten, besonders gut vor und nach dem Abfohlen gefüttert werden und mindestens 14 Tage Ruhe erhalten. Vor allen Dingen müssen sie nach dem Wiederanspannen unter allen Umständen zum Saugenlassen in den Frühstücks- und Vesperpausen ihren Fohlen wieder zugeführt werden. Bei einigermaßen gutem Willen lässt sich das selbst in der Hochzeit der Bestellungsarbeiten immer durchführen. Arbeit auf den in der Nähe des Hofes gelegenen Schlägen gibt es bei richtiger Disposition und richtigem Nachdenken immer.“

In den zwei Jahrzehnten vor der Flucht war es vor allem Antoinette Fürstin zu Dohna, die mit großer Passion und fundiertem Fachwissen über die Dohnasche Zucht wachte. Zahlreiche Anekdoten charakterisieren die Persönlichkeit dieser außergewöhnlichen Pferdefrau. So identifizierte sie ohne Mühen jede einzelne der meist abzeichenlosen Rappstuten der Prökelwitzer Herde. Als Ersatz für den als Hauptbeschäler nach Trakehnen versetzten Polarstern wählte sie in Trakehnens Zweijährigenherde Indra, der zum Hauptvererber der letzten Jahre werden sollte. Als sie – bereits im Westen, in der familieneigenen Textilreinigung in Lörrach – auf die Schwierigkeit, die Kundschaft richtig zuordnen zu können, angesprochen wurde, fand sie die lapidare Antwort: „...ach, wenn es doch alles Pferde wären, die kann man an den Gesichtern erkennen!“

Der Treck und ein Neubeginn 

Eine große züchterische Tradition ging am 23.Januar 1945 zu Ende: In einem generalstabsmäßig geplanten Treck gelang es Alexander Fürst zu Dohna die Bewohner fast aller Vorwerke und auch die Pferde zu retten: „Der Schlobitter und Prökelwitzer Treck war meines Wissens der größte geschlossene Zug, der nach dem Westen gelangt ist. Zuletzt bestand er noch aus 330 Personen, 140 Pferden und 38 Wagen. Wir waren neun Wochen getreckt und hatten mit zahlreichen Umwegen etwa 1500 Kilometer zurückgelegt.“

Unter den Gespannpferden befanden sich 31 Mutterstuten, die das größte geschlossene und gerettete züchterische Potential eines Privatgestütes darstellten. Bereits wenige Wochen nach der Flucht setzte der Fürst alle Hebel in Bewegung, um den Fortbestand der Trakehner Zucht zu sichern. Aus einem Brief an Dr. Heling vom 5. Oktober 1945: „Es ist daran gedacht, die besten Stuten der ostpreußischen Flüchtlinge nach Hunnesrück zu bringen. Es würde mich sehr freuen, wenn durch diese Maßnahme wenigstens ein kleiner Stamm der ostpreußischen Pferdezucht, die in jahrhundertelangen Bemühungen aufgebaut worden ist, erhalten werden könnte.“ Gemeinsam mit Dr. Martin Heling und Dr. Fritz Schilke konnte er die britische Militärregierung und die Landwirtschaftskammer Hannover bewegen, im hannoverschen Aufzuchtgestüt Hunnesrück das Ostpreußengestüt zu begründen, in dem unter 50 aufgenommenen Flüchtlingsstuten auch fünf Dohnasche Mutterstuten unterkamen.

Stolze Bilanz einer kleinen Zucht

Seit mehr als 30 Jahren pflegt Alexandra Gräfin Dohna, die zweitälteste Tochter des Fürsten, das große züchterische Erbe ihrer Familie – und dies mit durchschlagendem Erfolg. In ihrer Zucht, die nie mehr als zwei bis drei Mutterstuten umfasst, erlebte die alte K-Familie eine neue Blüte. Der weit verzweigte Stutenstamm besitzt hier einen seiner wertvollsten Zweige. Aus der Boris-Tochter KORBELLA züchtete sie die Staatsprämien- und Prämienstute KORONA v. Seeadler, die vor ihrem Verkauf in die USA mit den Vollgeschwistern KORSAKOW und KORDELIA v. Arogno einen Prämienhengst der Körung 1985 und eine doppelt prämierte Tochter stellte.

Eine Erfolgsgeschichte besonderer Art schrieb die Auftakt-Tochter KORALIE, die ihr Vater ihr als Absetzer schenkte. Neben dem gekörten Sohn KONDOR v. Lucado, schrieb vor allem ihre Ginster-Tochter KORNUBIA als Elitestute erfolgreiche Zuchtgeschichte. Sechs mit Staatsprämie und Prämie ausgezeichnete Töchter, darunter eine Elitestute, bedeuten eine nahezu einmalige züchterische Bilanz. Die Anpaarungen mit Flaneur, seinem Sohn Arogno und Enkel Acajou hatten Passereffekt: KOIMBRA v. Acajou siegte in der Qualifikation für das Bundeschampionat des Deutschen Reitpferdes, KONKORDIA v. Flaneur war Siegerstute der Zentralen Eintragung Traventhal, KASTANIE v. Arogno besitzt als Mutter der Jahressiegerstute KARISSIMA v. Charly Chaplin, ihres bis Grand Prix erfolgreichen Vollbruders KONRADI und als Großmutter des imponierenden Prämienhengstes KASIMIR v. Ivernel einen besonderen Ruf als Vererberin. KONTESSINA v. Arogno war Siegerin der Stutenleistungsprüfung. KOLIBRI v. Pomerol absolvierte eine erstklassige Stutenleistungsprüfung in Verden mit Traumnote 10 im Springen. Kornubia starb 24-jährig im Jahre 2000. Ihre Nachfolgerin Kontessina trägt seit 2005 ebenfalls den Elitetitel: Ihre drei prämierten Töchter KOLOMBA v. Michelangelo, KOLUMBINA v. King Arthur und KORDONA v. Seeräuber sichern das Erbe ihrer elitären Mutter und Großmutter in den USA, England bzw. im Stall ihrer Züchterin. Drei gekörte Hengste, 11 Staatsprämien- und Prämienstuten und zwei Elitestuten gingen aus der kleinen Zucht hervor – eine wahrhaft fürstliche Bilanz.

Alexandra Gräfin Dohna ist seit Kindesbeinen eine begeisterte Reiterin – selbstverständlich immer auf Pferden eigener Zucht. Mit Begeisterung berichtet sie von ihren Erlebnissen im Sattel von Koralie, Kornubia, Kontessina und heute Kordona – vier Generationen ihrer Stutenfamilie. Nicht nur aufgrund ihrer großen züchterischen Erfolge sondern auch in ihrer entwaffnenden und gleichzeitig charmanten Offenheit, der Treue zu ihren Freunden und ihrer frei von Revanchismus geprägten Liebe zur Heimat zählt die Gräfin zu den großen Persönlichkeiten innerhalb der Trakehner Züchterschaft. Freunde hat sie in der ganzen Welt, denn ihre 25-jährige berufliche Tätigkeit als Fotografin für einen großen Hamburger Verlag ließ sie die Großen und Berühmten dieser Welt fotografieren. Als Pferdefotografin ist sie heute eine Meisterin ihres Fachs.                  Erhard Schulte

SUMMARY:

Schlobitten and Prökelwitz were among the largest privately owned stud farms involved with East Prussian warmblood horses of Trakehnen origin. They stood famous stallions and the numerous broodmares carried the same bloodlines as the Trakehnen herds. The trek started on 23 January 1945 and had been carefully planned by Count Alexander zu Dohna. 9 weeks later, after approx. 1500 km, 330 humans, 140 horses and 38 waggons reached the West. For more than 30 years the count´s second eldest daughter, Countess Alexandra Dohna, has maintained the family´s equine legacy. Breeding 2 to 3 mares from a branch of the important K-family at a time, she has been exceptionally successful. Being a horse photographer, she is known to the Trakehner community all over the world.

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