Freitag, 18. Mai 2012
 


Keine andere Reitpferdezucht hat eine so starke Bindung zum Blut, sei es zum Englischen Vollblüter oder den arabischen Rassen, wie der Trakehner. Alle Hengstlinien, die aktiven und erloschenen, führen in ihren Wurzeln auf diese Gene zurück. Aber auch durch den Einsatz von Mutterstuten aus dem Lager der Blüter ergaben sich hervorragende züchterische und sportliche Perspektiven.

Eine Binsenwahrheit, dass der Ursprung des Trakehners und damit des ostpreußischen Warmblutpferdes Trakehner Abstammung in den arabischen und späterhin Englischen Vollblutrassen zu suchen ist. Die Namen von NEDJED ox, TURK MAIN ATTY A, MICKLE FELL xx, TIGRANES x, SNYDERS xx und SAHAMA xx sind Legende und noch – 250 Jahre nach ihrem Wirken – nach wie vor geläufig. Anders war es um die Stuten dieser Vollblutrassen bestellt: Ihre züchterische Stellung ist nicht vergleichbar, und wenn sie Einfluss erlangten, dann nur über das Hauptgestüt Trakehnen und das eine oder andere der großen Privatgestüte.

Vorreiter Trakehnen

Im Hauptgestüt Trakehnen kamen Mutterstuten der Englischen Vollblutzucht und angloarabische Vollblüterinnen in den Genuss einer intensiven züchterischen Pflege. Zum überwiegenden Teil den Englischen Vollblütern im Hauptbeschälerstall zugeführt, dienten sie sowohl der Erzeugung von Rennpferden im seinerzeit blühenden Rennsport als auch von Zuchtmaterial zwecks Begründung neuer Blutlinien.

Solche „Blutstuten“ waren in der gemischtfarbenen Herde Bajohrgallens zuhause, die seit jeher die edelsten Mutterstuten des Hauptgestüts versammelte. Bajohrgallen ist auch der Geburtsort des Englischen Vollblüters PARADOX xx, der hier im Jahre 1919 geboren wurde: Sein Vater war der hoch angesehene Leistungsvererber Christian de Wet xx , seine Mutter die aus Irland importierte Priceless Cherry xx v. Red Prince II xx, Stammstute in Bajohrgallen. Der energische, starke Fuchshengst folgte dem Vater später als Hauptbeschäler in Trakehnen und wurde auch in der Landeszucht zu einem geschätzten Vererber: Unter seinen Töchtern die hochprämierte BERGAMOTTE, die mit ihrem Sohn HUMBOLDT nicht nur den Spitzenhengst der Körung 1944, sondern auch einen Hauptvererber und Linienbegründer für die westdeutsche Zucht hinterließ.

Mit SANDALE x und SIEBENUNDNEUNZIG x zählten auch zwei Vertreterinnen des angloarabischen Vollbluts zur gemischtfarbenen Herde, von denen sich die Sandale x-Familie mehrere Generationen im Hauptgestüt hielt. Aus Irland kam die Fuchsstute FIDDLE STRING XX v. Denis Richard xx nach Bajohrgallen und hinterließ mit FIDDELDIDI x v. Demir Kaja ox die Stammutter einer der bedeutendsten Stutendynastien der Gegenwart: Ihre hochedle, kleine Tochter FEE v. Nordwest hatte mit Adamello v. Adamas ox noch in Ostpreußen einen gekörten Hengst gestellt. Im Westen sollte sie später an die große Geschichte ihrer Vorfahren in Bajohrgallen anknüpfen.

Nachdem Landstallmeister Dr. Ehlert 1935 im Württembergischen Hauptgestüt Marbach bereits vier junge, der alten Weiler Zucht entstammende arabische Vollblutstuten erwerben konnte, erhöhte der Oberlandstallmeister den Bestand an Vollblut-Araberstuten schließlich durch Zukäufe in Polen auf 17, die gemeinsam mit 3 Englischen Vollblutstuten und 10 besonders hochgezüchteten Trakehner Stuten im Jahre 1941 eine sogenannte „Araberherde“ in Taukenischken bildeten. In den wenigen Jahren ihres Bestehens konnte die kleine Herde hervorragende züchterische Erfolge für sich in Anspruch nehmen: Der Nachwuchs an Landbeschälern und wertvollen jungen Mutterstuten war vergleichsweise erstaunlich hoch. Leider gelangten diese Zuchterfolge nur zu einer beschränkten Auswirkung sowohl für Trakehnen selbst als auch für die ostpreußische Landespferdezucht. Nur wenig aus diesem wertvollen Erbe hat Flucht und Nachkriegswirren überstanden.

Wenig Neues im Westen

Im Ostpreußengestüt Hunnesrück waren FEE und ihre Töchter FELICITAS v. Cornelius und FEODORA v. Canino mit dem Treck des Privatgestüts Mack-Althof, Krs. Tilsit-Ragnit untergekommen sowie mit DONNA v. Cancara eine Tochter der Weiler Vollblutaraberin Dongola ox aus Taukenischken. Von hier aus begründeten sie weit verzweigte Familien. Die F-Familie brachte in ihren verschiedenen Zweigen neben zahlreichen bedeutenden Sportpferden und qualitätsvollen Mutterstuten auch gekörte Hengste wie FABIAN, FALKE, FERLINO, FACETTO, FROHSINN, FAHARADSCHA, FERLIN, FRESCO, FABIUS und FERRUM hervor. Die Donna-Familie, in ihren arabischen Ursprüngen Jahrhunderte lang dokumentiert, zählt zu den wertvollsten Familien der Gesamtzucht, sei es im Zweig der Klosterhofer DONAUQUELLE-Familie mit DONAUMONARCH, DONAUFELS, DONAUFISCHER, DONAUKAISER, im Rantzauer Familienzweig mit DONAUWALZER, DONAUSCHIMMER, DERNIER CRI oder in weiteren Zweigen, denen die Zucht auch in sportlicher Hinsicht vieles verdankt.

Es sollten vorerst die einzigen Familien bleiben, die sich auf ihre Herkünfte aus englischen und arabischen Wurzeln berufen. Die Jahre der Neubegründung der Zucht waren keineswegs die Jahre, dem Englischen Vollblut oder den arabischen Rassen einen höheren züchterischen Stellenwert einzuräumen. Ihr Einsatz blieb zunächst eher dem Zufall überlassen. Der 1. Band des Gesamtdeutschen Trakehner Stutbuchs weist unter fast 3200 aufgeführten Stuten nicht einmal 30 Stuten aus der Rassen Englisches Vollblut, Vollblutaraber, Shagya-Araber und Angloaraber aus.

Hier bleibt die angloarabische Halbblutstute AMSEL, Vollschwester des legendären Burnus, herauszustellen, zweifache Hengstmutter und verantwortlich für eine weit verzweigte Familie, der beispielsweise der Elitehengst Louidor angehört. Von den Englischen Vollblutstuten waren es nur MARIANDEL xx (E27A v. Kintzel-Burg Miel) und IRKA xx (E1A Gestüt Webelsgrund), die bis zur Gegenwart vitale Stämme begründeten. In den Zuchten der ehemaligen DDR hat sich GIT xx mit ihrer Familie „E16A Gut Vorderbollhagen“ eine ähnliche züchterische Position erworben. Eine Situation, die im Hinblick auf die Zuführung neuer Gene und Eigenschaften wie auch hinsichtlich der Begründung neuer Blutlinien nicht zufriedenstellend sein konnte – und die sich bald gravierend änderte: Englische Vollblutstuten und Repräsentantinnen der arabischer Rassen stellten gekörte Hengste, begründeten Familien und vermitteln züchterische Impulse. „Der Trakehner“ stellt diese Stuten in den kommenden Ausgaben vor.          Erhard Schulte

SUMMARY:

Almost every stallion line in the Trakehner breed traces back to an English thoroughbred or Arabian stallion. However, the foundation of important dam lines is often an English or Arabian TB mare. At the main stud Trakehnen, it was predominantly the mixed herd at Bajohrgallen, where TB mares and other Anglo bred mares were collected. And even more sophisticated care was employed at Taukenischken, which was established by the end of the 1930s and was home to Arabian mares from Weil-Marbach and Polish studs. Today’s famous Donna-family traces back to Taukenischken, where the line was founded by the Arabian TB mare Dongola.

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