Freitag, 18. Mai 2012
 


Der Vertrag zwischen dem Trakehner Verband und der amerikanischen Tochter-Organisation ATA wird bald 30 Jahre alt. Das war nur ein Grund für einen Abstecher des Zuchtleiters nach Kanada und die USA. Mehrere Hengste wurden außerdem gemustert.

Auch wenn sich der Dollar gegenüber dem Euro derzeit nicht gleichwertig behaupten kann, so gilt Nordamerika für die gesamte deutsche Pferdezucht dennoch als einer der wichtigsten Export-Märkte. Dies war einer der Gründe für die Reise des Zuchtleiters nach Kanada und die USA. Darüber hinaus wurden ein Körtermin in Kalifornien und ein Eintragungstermin für Stuten im Großraum Chicago wahrgenommen. Und nicht zuletzt soll der im Jahre 2008 bereits 30 Jahre alt werdende Vertrag zwischen der American Trakehner Association (ATA) und dem Trakehner Verband überarbeitet und aktualisiert werden. So soll die zukünftige Zusammenarbeit zwischen dem Mutterverband in Deutschland und dem Tochterverband ATA, der die Trakehner Zucht in Kanada und den USA eigenständig betreut, weiter optimiert werden.

Es gab also genug Gründe für einen erneuten Besuch des Zuchtleiters nach 1998 in der Neuen Welt. Neben den Gesprächen mit offiziellen Vertretern der ATA, sowie vielen Züchtern und Reitern standen natürlich die Pferde im Vordergrund. Unter anderem wurden folgende, vorwiegend in den USA gekörte Zuchthengste gesichtet:

Tzigane (B.*98 v. Graditz – Condus) ist ein temperamentvoller Springspezialist mit enormen Parcours-Talenten und sehr viel Vermögen. Seine Mutter ist eine Vollschwester zu Tarim und Tempelritter. Das Springpotential kommt von Graditz über Rondo. Er ist jetzt schon erfolgreich in M-Springen, aber sein Ausbilder Helmut Schrant traut ihm für die weitere Zukunft deutlich mehr zu.

Kitfox (Db.*91 v. Amiego – Consul) ist ein mütterlicher Halbbruder zu King Arthur. Er war in aktiven Zeiten als Spring- und Vielseitigkeitspferd unterwegs, bis er unter Eberhard Biesenthal im Dressursport bis zu Inter I-Erfolgen kam. Seine meist großrahmigen Kinder sind oft ebenso vielseitig veranlagt wie der Vater aus der Zucht von J. v. Gierke in Langwedel. Kitfox steht bei John Krenger in Woodstock/Illinois.

Kreshendo (R.*90 v. Meistersinger – Isolan) hat unter seiner Besitzerin Suzette Bernold in Maple Parp/Illinois selbst Erfolge im Dressursport bis zur internationalen Klasse aufzuweisen und seine Kinder werden von der passionierten Züchterin auch auf den sportlichen Weg gebracht.

Leonidas (Sch.*88 v. Condus – Siegbert) ist ein wirklich vorbildlicher Hengst, der selbst im Großen Dressursport unter seiner Besitzerin Hilda Gurney, Moorpark/Kalifornien, siegreich war. Seine Nachkommen sind erfolgreich auf den Spuren des immer noch frischen Vaters, der auch für die deutsche Trakehner Zucht zur Verfügung steht. Ein phaenotypisch und genotypisch höchst wertvoller Leistungsvererber mit ganz wertvoller Abstammung.

Pavarotti (B.*97 v. Enrico Caruso – Donaufürst) ist der einzige Hengst, der anlässlich des Körtermins 2006 in Ventura/Kalifornien gekört wurde. Er erinnert im Typ klar an seinen Erzeuger, verfügt über beste Rittigkeitseigenschaften und kommt aus der Familie der Polarfahrt. Mahagoni führt er in 2. und 3. Generation, was auch in der Qualität der Grundgangarten zum Ausdruck kommt.

Windwalzer (Schwbr.*86 v. Saxon – Vorgil) ist ein Grand-Prix-Dressurhengst im großen Rahmen mit besten Interieur-Eigenschaften. Sein Vater Saxon ist ein Flugwind-Sohn und mütterlicherseits kommt er aus dem seltenen Stamm der Waldrose (Wettsport, Wakond). Unter dem Sattel seiner Reiterin Flora Jean Weiss aus Sun Valley/Kalifornien erzielte er viele Preise und Erfolge, so dass ihm ein stärkerer Zuchteinsatz zu wünschen wäre.

Zu den ältesten und einflussreichsten Trakehner Gestüten der ATA gehört die Rolling Oaks Farm der Familie Cornelison in Elgin/Ilinois. Nach dem Tode des verdienten Vaters Stan Cornelison wird das Gestüt von den beiden kompetenten Töchtern Nancy und Marcia weitergeführt. Vier Trakehner Hengste sind hier stationiert:

Bütow (B.*81 v. Mahagoni – Ricardo) wurde 1983 in Neumünster gekört und steht seit 20 Jahren auf der Rolling Oaks Farm. Mit über 40 eingetragenen Töchtern gehört er zu den ganz besonders einflussreichen Vererbern in Nordamerika. Seine Kinder sind sehr rittig, umgänglich im Temperament und bewegen sich schwungvoll.

Pajou (R.*87 v. Avignon – Marengo) ist ein beeindruckender Typhengst mit überzeugendem Charme. Er ist leistungsgeprüft, sehr nervenstark und macht ansprechende Nachkommen, die häufig seinen Typstempel tragen.

Donaudeen (F.*96 v. Aberdeen – Tannenberg) ist ein sehr interessanter Hengst mit bester Abstammung. Seine vier Urgroßmütter sind Stammstuten besonderer Prägung: Heimische (v. Gazal Ar.), Abiza (v. Maharadscha), Tanjana (v. Abendstern) und Donaumaid (v. Maharadscha). Bis zu einer Verletzung galt Donaudeen für Darren Chiaccia als großes Military-Talent.

Tigre (B.*98 v. Bütow – Graditz) ist ein selbst gezogener Hengst mit sehr schwungvollen Bewegungen und durchaus viel Kaliber. Auch sein Vollbruder Tradition ist ein gekörter Hengst der ATA.

Die ATA registriert im Jahr rund 200 Fohlen und neben einer zentralen Hengstkörung finden an wenigen anderen Orten in den USA und Kanada auch kleinere Hengstkörungen und Stuteneintragungen statt. Der Grund ist einfach: Wenn die deutschen Züchter schon mit den Nachteilen einer Bundeszucht konfrontiert sind, so ist diese Problematik gemessen an der Fläche des zu betreuenden Zuchtgebietes in Nordamerika um mehr als das 20-fache größer. Umso mehr muss die Passion und Überzeugung bewundert werden, mit der die amerikanischen Trakehner Freunde den Nachteilen so riesiger Entfernungen begegnen. So ist eine Stuteneintragung mit 6 Stuten Anlass genug für einen dreitägigen Ausflug mit 12-stündiger Anfahrt.

Die Qualität der gesichteten Pferde war motivierend und positiv überraschend. Das gilt auch für die Arbeit in der Körkommission unter Leitung von Brad Kerbs. Dabei führen viele Trakehner Pferde in Nordamerika interessante Blutkombinationen in ihrem Pedigree, die in Deutschland gar nicht, gar nicht mehr oder nur selten zu finden sind. Aufgrund dieser Eindrücke entstand in der Diskussion mit Dr. Maren Engelhardt, die als deutsche Wissenschaftlerin in Los Angeles arbeitet, schnell die Idee einer möglichen Verbandsreise von deutschen Trakehner Züchtern in die USA und Kanada. Denn die Pferde, ihre Züchter und Gestüte haben es verdient, dass sie auch von Deutschland aus verstärkt wahrgenommen werden. Ohne Zweifel gibt es auch eine Reihe von Trakehnern in Amerika, die den deutschen Markt und die deutsche Zucht bereichern würden.

Außerdem: Andere Zuchtverbände, wie zum Beispiel  Hannover, Oldenburg, Rheinland-Pfalz/Saar, KWPN oder die Franzosen beweisen derzeit, dass die Bande über den Atlantik nur gehalten werden können, wenn sich auch der Mutterverband als anerkanntes Ursprungszuchtgebiet verstärkt um die Zusammenarbeit kümmert. Dazu gehört längst nicht mehr nur der Export, sondern auch die Vermittlung von Know How in Fragen der Zucht, sowie des Trainings und der Präsentation von Pferden. Und dazu gehört aber auch ein Austausch der Jugend. Im Bedarfsfall können sich junge Trakehner Freunde gerne an die Geschäftsstelle in Neumünster wenden, um im Trakehner Ausland ein Praktikum in Sachen Zucht und/oder Sport zu absolvieren oder sich zu informieren. Das Büro vermittelt gerne Adressen und Kontakte.

Die zentrale ATA-Veranstaltung des Jahres 2006 findet übrigens vom 2. – 4. November in Columbus/Ohio  statt. Hengstkörung, Stuteneintragung und Jahreshauptversammlung mit Referaten stehen auf dem Programm. Nähere Infos gibt es über die Internetseite der ATA: www.americantrakehner.com.

In der nächsten Ausgabe werden die beiden aufstrebenden Gestüte von David Beattie in Watertown/Wisconsin und die Troika Trakehner Stud Farm in Breslau bei Toronto/Ontario näher vorgestellt.

     Lars Gehrmann

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