Die in den Vorjahren beobachtete Phalanx der dominierenden und tragenden Hengstlinien wurde 2006 gebrochen: Zwei Söhne von Vollblutvätern und vier Repräsentanten junger oder im Aufbau befindlicher Linien, dazu insgesamt 5 Vertreter älterer, auf züchterischem Rückzug befindlicher Linien, verraten neue Perspektiven. Dennoch dominieren in den mütterlichen Generationen der Gekörten nach wie vor die Hauptvererber der Gegenwart.
Ein deutliches Signal hinsichtlich der Qualität des Jahrgangs setzte die Zahl der Gekörten: 18 Hengste gegenüber 14 gekörten im Vorjahr, darunter sechs Prämienhengste, weisen auf ein hohes Niveau hin.
Die väterlichen Linien
Mit KROKANT, der Katalognummer 1, stand hinsichtlich der Begründung einer neuen Linie auch gleichzeitig ein Hoffnungsträger im Rampenlicht: Dem bis dato einzigen gekörten Trakehner Sohn des hannoverschen Starvererbers und Hengst des Jahres 2006 in Verden, LAURIES CRUSADOR xx, stehen viele Möglichkeiten offen, in seiner Rasse eine neue Blutlinie zu schaffen.
Auch STRAVINSKY xx, Revlon Boy xx-Sohn und Enkel des großen Blauer Reiter xx genießt in reiterlicher Hinsicht hohe Wertschätzung, zumal sein Einsatz in deutscher Zucht höchst begrenzt war. Auch unter solchem Aspekt gelten seinem Sohn CHARDONNE besonders hoch gesteckte Erwartungen.
Es war vor allem das Jahr des HIBISKUS, dem es auf Anhieb gelang, der durch seinen Vater Latimer verzweigten und noch in zarter Blüte befindlichen Linie des Saint Cloud weitere hochklassige Mitglieder hinzuzufügen. OKAVANGO und STRESEMANN galt die ungeteilte Anerkennung des Fachpublikums; mit hoher Dressurqualität und in dieser Hinsicht auch mütterlicherseits abgesichert, standen sie in einem besonderen Rampenlicht dieser Körung.
Besonders sportlich dazu – obwohl über Hohenstein bzw. Partout mütterlicherseits eher dressurbetont gezogen - mit hohen Gaben über dem Sprung ausgestattet, präsentierten sich die beiden bisher einzigen gekörten Söhne des K2. Die kleine, sportlich Aussage reiche Linie des Franzosen UPAN LA JARTHE AA nahm somit erstmals einen bedeutungsvollen Auftritt für sich in Anspruch.
Um beim Blut zu bleiben: MICHELANGELO, Sohn des großen Pasteur xx und Hengst des Jahres 2006, zelebrierte solch große Auszeichnung mit Würde: Sein Enkel SONGLINE vertritt die Linie des Begründers, die bereits vor Jahren durch den überlegenen Sieger KENNEDY im Mittelpunkt stand, in eindrucksvoller Weise. Einprägsamer kann ein großer Vererber seinen neuen Titel nicht feiern.
Zwei Gekörte lassen sich der Pasteur xx-Linie zuordnen: Der Zweig des Mahagoni stellte mit dem athletischen, bewegungsstarken ELFADO einen weiteren Sohn des betagten, als sportlichen Spitzenvererber allseits anerkannten KOSTOLANY.
Kostolanys Erbe trägt väterlicherseits auch der Sympathieträger dieser Körung: DONAUGOLD vertritt über Distelzar-Gribaldi einen international renommierten Zweig der väterlichen Linie.
Die in den Vorjahren beobachtete Dominanz der Habicht-Sixtus-Linie war 2006 nicht zu registrieren. Die sportlich hoch angesehene Blutlinie erhielt mit BALLZAUBER v. Axis und HULIAN v. Connery zwei Zugänge, die in Mechanik, Athletik und Trockenheit das väterliche Blut vorbildlich repräsentieren. Der sportliche AXIS präsentierte nach Hirtentanz aus seinem zweiten Jahrgang auch seinen zweiten gekörten Sohn.
Dem jungen INTERCONTI v. Consul gelang es, die verdienstvolle, dennoch nahezu erloschene Linie seines großen Vaters mit neuem Leben zu erfüllen – und dies mit seinem ersten Jahrgang: ZAUBERFÜRST und CONTIS symbolisieren auch in Typ, Habitus und ihren vornehmen Manieren das edle Blut ihrer väterlichen Linie.
Auch Arogno und seine Dynastie, in den Vorjahren dominierend präsent, war 2006 lediglich durch zwei Gekörte vertreten, beide jedoch in unverwechselbarer Machart. IACOCCA machte nochmals auf seinen unvergessenen Vater Prêt á Porter aufmerksam: Der viel zu früh abgetretene Ivernel-Sohn stellte nach dem Sieger Le Rouge seinen zweiten gekörten Sohn. In seinen stolzen Auftritten verkörperte Hohensteins Sohn Elfenstein eine ganz besondere Beschälerpersönlichkeit und vertrat seinen großen Vater auch in dieser Hinsicht vorbildlich.
Gabriels Hengstlinie verweist auf einen großen historischen Hintergrund: Die Dynastie des Leistungsträgers baute sich in der Neuzeit in den Zweigen des Marduc und Hyllos auf. Mit MAXWELL trat der bisher einzige Sohn des internationalen Grand-Prix-Stars Solero v. Hyllos in die Zucht. Auf den Dressurvererber Marduc lassen sich LUGANI v. Guzzi und HERZGLANZ v. Schiffon zurückführen. Beide Väter haben die heimatliche Zucht Richtung Ausland verlassen.
Das mütterliche Erbe
Der Körjahrgang 2006 war auch ein Jahrgang von erstklassigen und gleichermaßen berühmten Hengstmüttern. Allein die Liste der Mütter von Sieger, Reservesieger und nahezu aller Prämienhengste liest sich als „Who is Who“ der Trakehner Mutterstutenpopulation. Songlines doppelt prämierte Mutter Schwalbenspiel ist amtierende Reservesiegerin in Niedersachsen und brachte bereits den prämierten Shavalou, ihre Mutter Schwalbenlust zählte zu den Aushängeschildern ihrer Rasse, die 3. Mutter Schwalbenburg stellte vier gekörte Hengste.
Eine ähnliche Berühmtheit präsentiert sich mit der hochprämierten Donaufürstin v. Klosterhof. Mit dem Prämienhengst Donaufels und dem bis S erfolgreichen Springhengst Donauprints lieferte sie zwei hochgeschätzte gekörte Hengste. Aus Bundesschaukonkurrenzen ging sie siegreich und hochplatziert hervor. Mit ihrer lebenslangen Besitzerin Gudrun Wahler wurde gleichzeitig auch eine der großen alten Damen dieses Zuchtverbandes geehrt: Es war einer der bewegendsten Augenblicke der Tage in Neumünster, als die Seniorchefin des Klosterhofes im Angesicht des von ihr gezüchteten Donaugold die Glückwünsche entgegen nahm.
„Zaubernacht ist für mich das Herzstück meiner Zucht!“ beschreibt Dr. Elke Söchtig die Stellung ihrer elitären Gründerstute Zaubernacht, die 2006 mit dem prämierten Zauberfürst, der Jahressiegerstute Zaubermelodie und der hochbezahlten Zauberflöte das Neumünsteraner Parkett beherrschte.
Für Insa Ruprecht bedeutet die dreifach prämierte OLGA etwas ganz Besonderes: Die hochdekorierte Sixtus-Tochter hat ihr nach dem Prämienhengst Oliver Twist, der in englischer Zucht hochdekorierten O’Hara, dem S-Dressurpferd Opal nun mit Okavango einen weiteren großen Erfolg in den Züchterstall gebracht.
Auch COURAGE v. Tolstoi, BALLGEFLÜSTER v. Itaxerxes, MONABELLE v. Caprimond, CONTESSA v. Michelangelo und SINFONIE v. Charly Chaplin, die Mütter von Chardonne, Ballzauber, Maxwell, Contis und Stresemann zählen zu den Qualitätsstuten der Zucht, während sich IRMA LA DOUCE xx v. Local Suitor xx , die Mutter des Iacocca, als eine der am höchsten bewerten Vollblutstuten der Gegenwart darstellt.
HILKA v. Ravel, die Hulian-Mutter, verweist mit Lemon und Hinnerk auf zwei in schweren Prüfungen erfolgreiche Dressurpferde. Elfados Mutter ERIS v. Roncalli xx ist Halbschwester der international erfolgreichen Vielseitigkeitsstute Eos und Enkelin der auf derselben Ebene siegreichen Ecliptic.
Herzglanz’ Mutter HERZFLOCKE v. Tivano ist Halbschwester zum S-Dressurpferd Hippokrates und zum Sieger- und Elitehengst Herzzauber. Die Prinz K3-Mutter PERLE v. Hohenstein brachte mit ihrer Sieger-Tochter Perlenglanz v. Latimer bereits eine der am höchsten bewerteten Stuten der Gesamtzucht
Forscht man bei den Gekörten nach den Ursprüngen ihrer mütterlichen Familien, dominiert in diesem Jahr wieder einmal die Dohnasche Zucht: Allein vier junge Hengste lassen sich Familien des ehemals traditionsreichen Privatgestüts zuordnen: Der Sieger Songline vertritt die Saaleck-Dynastie im Zweig der Webelsgrunder Schwarze Schwalbe, der prämierte Krokant ordnet sich der weit verzweigten K-Familie zu und präsentiert sich gleichzeitig als Halbbruder der hochprämierten Karolinger I und II. Der prämierte Okavango zählt zur Oka-Familie. Ballzauber schließlich ist Angehöriger der Bea-Familie im Zweig der Baumgartschen Blitzlicht.
Der Familienzweig der Etikette aus der Elfe-Dynastie des Hauses v. Lenski-Kattenau wird durch Elfenstein und Elfado wirkungsvoll vertreten. Stämme des Hauptgestüts Trakehnen brachten fünf Gekörte hervor: Donaugold aus der Donna-Familie, Prinz K3 aus Polarfahrts Stamm, Stresemann aus dem Suska-Stamm, Herzglanz aus der Herbstzeit- Dynastie und Contis zählt zur Corrida-Familie.
Die auch unter sportlichen Aspekten renommierten Stämme der Libelle-Lorelei (Jaeschke-Fresendorf), die von Schöningsche Leistungsdynastie der „Zaubers“, die schmale Lottka-Hulla-Familie und der wertvolle Marquise-Stamm des Hauses Hoogen wird durch Lugani, Zauberfürst, Hulian bzw. Maxwell vertreten.
Aus arabischen Wurzeln entstand die Duna-Familie, die 2006 den markanten Dorkas erfolgreich zur Körung stellte.
Die Hauptvererber haben in 1. – 4. Generation nach wie vor das Sagen: Hohenstein tritt sechs Mal im Lot der Gekörten auf, dazu tritt zwei weitere Male sein Vater Caprimond. Ebenfalls sechs Mal sind jeweils Kostolany und Arogno, der Caprimond- Großvater, repräsentiert. Sixtus und Consul sind jeweils drei Mal vertreten. Sie sind jedoch ebenso wie Mahagoni und auch Arogno zudem bereits häufig in die 5. oder weiter zurückliegende Ahnenreihe gerückt.
Eine Vorbildfunktion unter den Gekörten nimmt nicht nur in sportlicher Hinsicht der auffallende Elfado ein, sondern auch im Aufbau seiner Blutlinie: Der bewährte und häufig vertretene Kostolany wurde mit einer Tochter des selten benutzten Roncalli xx zusammen geführt. Eris führt zudem mütterlicherseits den treuen, kaum eingesetzten Sastor und weiterhin den bedeutenden Pasteur xx – außerdem sind diese Grundlagen in leistungsmäßiger Hinsicht abgesichert.
Die Reinzucht bietet also auch in Zukunft wertvolle Perspektiven, insbesondere mit einem Körjahrgang, in dem sich drei höchst interessante Halbblüter in den Beschälerbestand einreihen.
Erhard Schulte



