Die Messlatte hing hoch: Trakehner Spitzensportler und -vererber schickten ihre kleinen Brüder ins Rennen, der Körsieger des vergangenen Jahres hatte einen Sensationspreis vorgelegt. Grosse Erwartungen und internationales Publikum aus 25 Nationen empfingen den Körjahrgang 2006.
Der Siegerhengst des Jahres 2006 kommt aus einer der traditionsreichsten Trakehner Zuchtstätten und präsentierte sich vier Tage lang als kraftvolles, modernes Beschälermodell mit sportlicher Prägung und klar im Trakehner Typ stehend. Dieser Dunkelbraune der Sonderklasse überzeugte bei jedem seiner Auftritte mit überragenden Grundgangarten, unerschütterlichem Gleichmaß und Takt und übernahm schließlich in einem breiten, hervorragenden Spitzenfeld die Führung. Strahlender Sieger und noch viel mehr ist der von Beate Langels gezogene Summertime-Sohn SONGLINE aus der St.Pr.u.Pr.St. Schwalbenspiel. Neben allen bewiesenen Attributen des Exterieurs und Interieurs verbindet dieser Hengst Tradition und Zukunft des modernen Trakehner Pferdes in besonderer Weise. Songline krönt vier Generationen reine Hämelschenburger Zucht. Otto Langels erwarb einst die Ur-Urgroßmutter, die legendäre SCHWALBENLIED als Fohlen für astronomische 20.000 DM. SUMMERTIME seinerseits ist als Prämienhengst des überragenden Milleniumjahrgangs noch allgegenwärtig und – getreu dem Motto von Otto Langels „Ich setze keinen Hengst ein, den ich nicht selbst geritten habe“ – in Hämelschenburg zu Hause. Zur Erinnerung: Auch Summertime ist waschechtes Langelsches Familienmitglied, denn sein Züchter Christoph Hördemann - nebenbei bemerkt auch Züchter des Comeback-Stars des Jahres, SILVERMOON - ist Beate Langels’ Cousin.
Songline steht auch für den erfolgreichen Generationswechsel in einer der großen Zuchtstätten. Beate Langels schlug so manches attraktive Kaufangebot für das Hengstfohlen aus. Und gab ihm den von Monika Lindstedt aus Schweden vorgeschlagenen Namen, der den Seniorchef zum Kopfschütteln veranlasste und zahlreiche Hengstmarktbesucher vor ein Fragezeichen stellte. Des Rätsels Lösung ist nahezu poetisch: Die australischen Aboriginies orientierten sich in der Unendlichkeit ihres Kontinents ohne Karten, ohne Kompass - nur mit in Liedern gefassten Pfaden. Diese „Songlines“ ergaben eine unsichtbare, mythische Landkarte Australiens, die per Gesang von Generation zu Generation weiter getragen wurde.
„Er ist einfach ein faszinierendes Pferd, ein Strahlemann“, schwärmt die Züchterin von ihrem Siegerhengst, dem vierten der nach SANTIAGO, KOSTOLANY und E.H. GRIBALDI vom Gestüt Hämelschenburg kommt. Wie es sich für den Siegerhengst gehört, hieß es allerdings wenige Stunden nach der Proklamation Abschied nehmen. Stationiert wird der erklärte Liebling der Gestütschefin, jetzt im Besitz von Gustav Schickedanz, Kanada, zunächst in unmittelbarer Nachbarschaft im Gestüt Hörem. Allerdings gibt es Distanzen, die weitaus schwieriger zurückzulegen sind als Tausende von Kilometern …
Reservesieger und Springchampion
Ebenfalls aus traditionsreichem Stall kommt der Reservesieger DONAUGOLD v. Distelzar aus der Donaufürstin vom Klosterhof. Gezogen und ausgestellt von Seniorchefin Gudrun Wahler ist der hervorragend fundamentierte Fuchs ein Spitzenprodukt des auf dem Klosterhof gepflegten Zweigs der großen Donau-Familie, namentlich der Familie der Donaufürstin. Die Halbschwester des Donaumonarch sowie Vollschwester der E.St. Donauwoge II empfahl sich bereits als Hengstmutter. Mit Donaugold sandte die E.H. Sokrates-Tochter ein Springtalent zum Hengstmarkt, in diesem Jahr als Primus inter Pares: Unter mehreren sehr gut springenden Hengsten erhielt er den Sonderehrenpreis für das beste Freispringen. Ein nervenstarker Sportler, wie er im Buche steht, der neben beachtlicher Kraft auch die richtige Einstellung bewies, veranlasste er Hengstmarkt-Newcomer auf Anhieb zum Kauf: Antony und Sarah Pidgley, in Windsor als Nachbarn der Queen ansässig, sind mit ihrem Berater und Ausbilder Johann Hinnemann bisher in Hannover und Oldenburg als Käufer hoch veranlagter Pferde bekannt. Donaugold wird über Hinnemann zunächst in Voerde stationiert.
Vier Prämienhengste
Ein sehr guter Jahrgang wartete mit einer breiten Spitzengruppe auf, aus der sich in diesem Jahr nicht, wie in anderen Jahren mitunter der Fall, der Sieger bereits im Körverlauf völlig eindeutig herauskristallisierte. Die Prämie erhielt ein Sohn des Lauries Crusador xx: KROKANT, ein weiterer Sohn der zweifachen Hengstmutter Kadenz v. E.H. Hohenstein aus der Zucht von Friederike Holst, Schenefeld. Der elastische, bewegungsstarke Rappe punktete mit imponierendem Seitenbild und klassischem Zuschnitt. Familie Holst, die ihre Zucht mit der Korscha-Tochter Koka v. Karwendelstein aufbaute und mit deren Tochter Kadenz so große züchterische Erfolge feiern kann, erhielt den Sonderehrenpreis des Trakehner Fördervereins für den besten gekörten Halbblüter.
Ein überzeugendes Debüt gab Interconti mit seinem ersten Jahrgang in Neumünster. Drei Söhne, sämtlich vom Gestüt Elmarshausen, waren angetreten. Der noch jugendliche CONTIS aus der Contessa V v. Michelangelo erhielt das positive Körurteil, der Sohn der einstigen Auktionsstute Zaubernacht II v. E.H. Caprimond ließ sich als Prämienhengst feiern. ZAUBERFÜRST überzeugte mit drei klar überdurchschnittlichen Grundgangarten, gutem Freispringen und geschlossenem Format. Sein neues Zuhause liegt im bayerischen Seeon, stationiert wird er in Schwaiganger.
Der Qualitätsgarant E.H. Hohenstein stellte einen weiteren prämierten Sohn: der lackschwarze ELFENSTEIN aus der Elfennacht II v. Waldvogt, gezogen von Hans-Joachim Gross, Schwaförden, präsentierte sich als Edelpferd aus einem Guss. Weit gereift, mit hervorragenden Grundgangarten und Gebäudequalitäten, bewegte er sich stets bergauf. Die Zuchtsstätte Gross hatte auf diesem Hengstmarkt einen besonderen Auftritt, bereicherte sie doch zudem die ansprechende Reitpferdekollektion mit der dreijährigen Bundeschampionatsfinalistin und Trakehner Championesse EICHENBLÜTE v. E.H. Ravel, die in der Mutterlinie eng mit dem jungen Prämienhengst verwandt ist.
Ein weiterer Debütant empfahl sich mit seinem ersten Körjahrgang aufs Feinste. Drei Söhne des Hibiskus traten an, die Prämie erhielt der hochelegante OKAVANGO. Von Insa Ruprecht gezogen, stellte die Züchterin den Bewegungskünstler gemeinsam mit Helen Nissen, Skals/DK, aus – in Dänemark wird der Hengst auch eine Beschälerbox beziehen.
Der Körjahrgang in Zahlen
„Bei uns kommt die Klasse nicht aus der Masse“, kommentierte Zuchtleiter Lars Gehrmann nicht nur mit einem Blick auf die wie immer zeitgleich stattfindende Hannoveraner Körung, zu der sich rund 900 Hengste der Auswahlkommission gestellt hatten. „Bei einer leicht zurückgehenden Population hat sich die Qualität unserer Pferde in den letzten Jahren ganz erheblich verbessert!“ Der Körjahrgang 2006 gab ihm Recht. Gut 150 Hengste waren im Sommer zur Vorauswahl angemeldet, 61 von ihnen wurden angenommen und 54 traten am sonnigen, ungewöhnlich warmen Donnerstag auf dem Pflaster das erste Mal vor die Körkommission und mehr als 1.000 Zuschauer. Das Freispringen am Freitagvormittag geriet zur angenehmen Überraschung. Bastian Kuckartz, im Sattel von Der Dürer TSF den Trakehner Freunden ein Begriff, führte am Sprung Regie, Klaus Reinacher kommentierte sachlich und sehr wohlwollend am Mikrofon. Das ganz große Plus aber waren die jungen Hengste. Es gab nicht einen Überflieger, wie nahezu jede Körung ihn bisher zu verzeichnen hatte, sondern eine ganze Reihe Youngster zeigten Geschick, Übersicht und geradezu Ständerhöhen verachtende Lust am Sprung. Deutlich mehr Kraft war im Spiel, durchweg solide, vertrauensvolle Vorbereitung und jede Menge Vermögen und Manier. Söhne der Vererber Axis, Distelzar, Enim Pascha, Bardolino, K2 und Schiffon lieferten erfreuliche Bilder in Serie, deren Fortsetzung unter dem Reiter sowohl im Busch als auch im Parcours eine Wunschperspektive wäre. Mehr als einmal war auf den Rängen zu hören „Den hätten die Holsteiner auch gern!“ – Unnötig zu erwähnen, dass den Springspitzen im Auktionsring nicht gleichzeitig die Spitzenpreise beschieden waren ...
Ein Blick auf die insgesamt 37 Väter zeigt, dass es ein Jahr der jüngeren Vererber war. CADEAU hatte fünf Söhne zur Körung geschickt. Mit drei Nachkommen vertreten war CONNERY, dessen großrahmiger gekörter Sohn HULIAN nach Frankreich verkauft wurde. HIBISKUS debütierte mit einem Trio von bestechendem Exterieur, gekört wurde auch STRESEMANN. Von Familie Eicke erworben, ist dem lackschwarzen Strahlemann eine Laufbahn in Zucht und Sport so gut wie gewiss. Siegerhengst K2 brachte sich mit drei hochedlen, bewegungsstarken Nachkommen aufs Feinste in Erinnerung und kann jetzt bei den Trakehnern auf zwei gekörte Söhne verweisen. PRINZ K3 wird in Dänemark als Veredler in der Warmblutzucht wirken, für DORKAS gibt es im Landgestüt Dillenburg Pläne in Zucht und Sport. Zwei Söhne stellten jeweils Exclusiv, Hohenstein, Kostolany und Sixtus.
Erstklassige Halbblüter
Nach einigen eher „blutleeren“ Jahren fanden sich in diesem Jahr fünf Halbblüter mit sehr attraktivem Pedigree im Katalog, von denen vier antraten – und drei gekört wurden. Neben dem Prämienhengst Krokant überzeugte mit überragenden Bewegungen und gutem Exterieur der Schwaighofer CHARDONNE v. Stravinsky xx, der in dritter Generation auf Birkhahn xx zurückgeht. Seine Mutter Courage II führt über Tolstois Mutter, die E.St. Tugend III das Blut von Burnus AAH, so dass Familie Zeising vom Gut Schwaighof zusätzlich zum Körprädikat den „Dr.-Eberhard-von-Velsen-Zerweck-Gedächtnis-Preis“ für den gekörten Hengst mit dem höchsten Blutanteil entgegennehmen durfte. Erworben vom Dressurstall Waldfried, wird er im Landgestüt Dillenburg Stallkollege von Epernay, Fragonard xx, Canzler und Union Jack. IACOCCA v. Prêt à Porter a.d. Irma la Douce xx stammt aus der Zuchtstätte Brenninkmeyer wie schon sein Halbbruder Le Rouge. Auch bei den Stuten rangierte in einem sehr starken, ausgeglichenen Feld eine Vollblut-Tochter auf Platz 2. Der Hengstmarkt 2006 war angesichts der Top-Qualität der Halbblüter in der erfreulichen Lage, ein Zeichen für den Mut zum Blut zu setzen.
„Ohne Einbußen an Typ und Eleganz haben unsere Pferde an Kraft und Sportlichkeit ganz deutlich dazu gewonnen“, resümierte Verbandspräsidentin Petra Wilm und äußerte ihre persönliche Freude daran, dass die Helden dieses Jahrgangs durchweg auch aus Reitersicht Begehrlichkeit zu wecken vermögen. Für eine Reitpferdezucht von wesentlichem Interesse: die junge Generation bewies vier Tage lang ein nahezu unerschütterliches Interieur, Aufmerksamkeit und Arbeitseifer gepaart mit Gelassenheit und guten Manieren. Gäste aus 25 Nationen und Käufer aus vier Kontinenten – der nicht mehr ganz junge Slogan „Trakehner weltweit“ ist heute aktueller denn je. Die Gründe für das überragende Auslandsgeschäft sieht die Verbandspräsidentin zum einen in der gelungenen Trakehner Präsenz bei den Weltreiterspielen, darüber hinaus aber auch in der intensivierten Betreuung der Tochtergesellschaften. Erstmals trat ein Privatzüchter aus der Ukraine als Bieter hervor und ersteigerte den gekörten Guzzi-Sohn LUGANI. Darren Chiacchia plant für den gekörten BALLZAUBER v. Axis eine vielseitige Laufbahn, vorerst steht das Springtalent im Gestüt Gorlo zur Verfügung. Lang ist’s her, dass die Schweden einen Trakehner Hengst importierten: der sportliche Kostolany-Sohn ELFADO ging in südschwedischen Privatbesitz, wo er Boxennachbar von Hannoveraner Hengsten wird. In finnischen Beritt von Terhi Stegars geht der vom Hause Essing erworbene MAXWELL v. Solero, während der Schiffon-Sohn HERZGLANZ aus der Zucht der Hessischen Hausstiftung künftig im Stall Rötschke auf Buschkurs gehen wird.
Der Trakehner Hengstmarkt ist eine besondere Veranstaltung. Dieses Urteil kommt keineswegs nur von Seiten der unerschütterlichen Fangemeinde der Pferde mit der Elchschaufel. Vielmehr kommt es von denen, die auf vielen Körplätzen zu Hause sind – sei es als Berichterstatter, Vorführer, Kaufinteressenten oder einfach nur Pferdefreunde. Für diese Gastfreundschaft ist das Team des Zuchtbezirks und der Geschäftsstelle deutlich länger als nur vier Tage pausenlos im Einsatz – ein großes Dankeschön geht an alle Helfer vor und hinter den Kulissen. Doch ohne Züchter und Aussteller, die Kosten, Mühen, Hoffnung und auch Enttäuschungen tragen, um ihre herrlichen Pferde auf den langen Weg nach Neumünster zu bringen, hätten wir nichts zu feiern … sie alle können stolz sein auf die jungen Pferde, die beim Hengstmarkt zeigten, wie lebendiger Zuchtfortschritt aussieht. IE



