Die Anfänge des Hauptgestüts Trakehnen ließen keineswegs ahnen, dass hier eine Reitpferderasse von Weltruf, ein Gestüt, das als „Heiligtum der Pferde“ Unsterblichkeit erlangt hat, entstehen sollte. Der Typ und der Habitus des Trakehner Pferdes wurde durch die Jahrhunderte trotz bitterer Zäsuren konsequent in Reinzucht entwickelt und bis zum heutigen Tag bewahrt. Das Gründungsjubiläum Trakehnens jährt sich in diesem Jahr zum 275. Mal.
Ostpreußen war schon zu Zeiten des Ritterordens und des Markgrafens Albrecht berühmt wegen seiner Pferdezucht. Viele der ehemaligen Ordensgestüte waren noch vorhanden, als Preußen 1618 an Brandenburg fiel. Dennoch bezog Preußens „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. einen großen Teil seiner Kavalleriepferde aus Ungarn und der Ukraine. Dies verursachte hohe Staatsausgaben und machte Preußen vom Ausland abhängig. Fürst Leopold von Sachsen-Anhalt, der „Alte Dessauer“, empfahl dem preußischen König, die Kavalleriepferde künftig vermehrt selbst zu züchten, in Litauen Land zu erwerben und sämtliche in Litauen verstreut liegenden Gestütsabteilungen in einem großen Gestüt zu vereinigen. Als Gründungsort wurde ein kleines Dorf mit wenigen Bauernstellen und dem Namen „Trakischken“, was Rodung oder Lichtung bedeutet, bestimmt. Jene Fläche zwischen Szirkupönen und Danzkehmen war alles andere als Kulturland, sie war bewachsen mit Birken, Erlen, Rohr und Schilfgras und wurde von den Flüssen Pissa und Rodupp durchströmt. Die Pest hatte im Raum Gumbinnen ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft. Deshalb wurde auf königliche Weisung hin von 600 Soldaten, abkommandiert von Memel, in zäher Arbeit zunächst eine große Entwässerungsanlage mit dem Pissakanal gebaut und anschließend das gesamte Gebiet gerodet und urbar gemacht Auch die notwendigen Gestütsbauten und -einrichtungen wurden erstellt. Nach sechs Jahren war der grandiose Schöpfungsakt beendet. Unter den Neusiedlern, die nach Ostpreußen kamen, waren damals die Salzburger, die später in der ostpreußischen Pferdezucht eine bedeutsame Rolle spielen sollten, so vor allem die Familie Scharffetter. Durch königliche Order vom 11. Juli 1731 – sie kann als Gründungsurkunde angesehen werden - wurde verfügt, dass im Mai 1732 die preußischen Gestütsabteilungen in dem „Königlichen Stutamte Trakehnen“ zusammengeführt werden sollten. Mit 35.000 Gold-Talern für das gesamte Projekt musste der Monarch tief in seine königliche Schatulle greifen. Die Order wurde termingerecht ausgeführt. Zu dem aus der Taufe gehobenen königlichen Privatgestüt gehörten schon damals die Vorwerke (Gutshöfe) Bajohrgallen, Jonasthal, Gurdszen, Kalpakin, Guddin, Jodszlauken und Birkenwalde mit 1101 Pferden, darunter 513 Mutterstuten.
Das Pferdematerial war noch nicht einheitlich. Jedoch waren es keinesfalls die Nachfahren der schweren Pferde des Ritterordens. Neben diesen gab es in den so genannten Ackergestüten die bodenständigen leichteren Pferde, die Schweiken, die aufgrund ihrer Zähigkeit und Ausdauer für Ackerbau, Transport- und Reitzwecke besonders geeignet waren. Sie bildeten in Trakehnen den Grundstock der künftigen systematischen Pferdezucht. Die ersten Jahre des Gestüts standen unter keinem guten Stern. Die hohen Erwartungen des Gründers, durch den Verkauf des Nachwuchses schon bald respektable Erträge zu erwirtschaften, konnten nicht erfüllt werden. Einmal ließ die Fruchtbarkeit der Rodungsböden noch sehr zu wünschen übrig und zum anderen war der Pferdebesatz viel zu hoch. Für ein Pferd war nur jeweils ein Morgen Wiese und Weide vorgesehen, es fehlte an Stallraum und Einstreu. Dazu kamen seuchenähnliche Krankheiten. Die Aufzuchtergebnisse konnten nicht befriedigen.
Der Monarch übereignete das gesamte Gestüt in einer Schenkung dem Kronprinzen, dem späteren Friedrich dem Großen. Während der Regentschaft des neuen Eigentümers (1740- 1786) lieferte Trakehnen ihm viele gute Pferde für den Marstall. Schnelligkeit hatte damals schon einen besonderen Wert: Während Gespanne mit Pferden mecklenburgischer, russischer oder angelsächsischer Rasse für die oft zu fahrende Strecke von Potsdam nach Berlin durch sehr tiefen Sand mit einmaligem Pferdewechsel zwei Stunden benötigten, schafften es die Trakehner Rappen, seine Majestät in einer wesentlich kürzeren Zeit von nur eineinhalb Stunden an das gewünschte Ziel zu bringen. Auch im Kurierdienst haben sich die Trakehner Pferde hervorgetan. Als Friedrich der Große erfuhr, dass die von Berlin entsandte Post um 24 Stunden früher in Königsberg eintraf, wenn Kuriere Trakehner Pferde ritten, ordnete er an, dass für diesen Stafettendienst nur noch Trakehner zu verwenden seien. Der Reitergeneral und Reformator der Kavallerie, Friedrich Wilhelm v. Seydlitz, ritt selbst einige Trakehner, was als Zeichen hoher Wertschätzung dieser Pferderasse galt. Das züchterische Interesse des Königs war allerdings wenig ausgeprägt. Persönliche Anerkennung und hohe Rendite waren für ihn wichtiger. So wurden viele wertvolle und gute Hengste verkauft oder an befreundete Regenten und Generäle verschenkt. Bis zu 12.000 Taler in Gold erwirtschaftete das Gestüt jährlich für die Privatschatulle des Königs. Dies blieb nicht ohne negative Folgen. Chronisten berichten, dass sich die Zucht nach den ersten fünfzig Jahren des Bestehens von Trakehnen in recht mäßigen Zustand befand.
Dass das neue Gestüt dennoch so beachtenswerte Leistungen erbringen konnte, war dem Engagement und der Passion des damaligen Oberpräsidenten der Kriegs- und Domänenkammer von Gumbinnen, Johann Friedrich v. Domhardt, zu verdanken, dem 1746 die Gestütsleitung übertragen worden war. Er verfügte 1748 in der schwierigen Anlaufphase das einzig Richtige: Der Pferdebestand wurde von 1256 auf 783 Köpfe vermindert, auch die Zahl der Stuten wurde von 482 auf 300 herabgesetzt. Neben Hengsten aus der eigenen Zucht haben orientalische und englische Halbbluthengste den Zuchtpferdebestand ganz entscheidend geprägt. Als bewährte Vererber werden in den Annalen ein Persischer Schimmelhengst, Perser, sein Enkel, der Blauscheck Spinola und Pitt, ein „Englischer Wettläufer“ aus dem Stamm des Darley Arabian, genannt. Diese drei Hengste können als die eigentlichen Stammväter der alten Trakehner Rasse angesehen werden. Die ursprüngliche Absicht, über ein eigenes Hengstdepot die eigene Remontezucht zu aktivieren, ließ v. Domhardt nicht los. Er stellte 1779 gegen den Willen des Königs zunächst 11 Hengste für die Bedeckung von bäuerlichen Stuten zur Verfügung. Der Zuspruch seitens der bäuerlichen Züchter war unerwartet groß. Bereits ein Jahr später wurden daraufhin 20 Hengste auf einigen ländlichen Stationen aufgestellt. Hiermit war nun der Grundstein für eine planmäßige Landespferde- und Remontezucht gelegt. Mit dem Tod Friedrich des Großen ging Trakehnen in das Eigentum und die Verwaltung des Preußischen Staates über, da der König in seinem Testament nichts über den Verbleib des Gestüts verfügt hatte. Fortan lautete seine Bezeichnung „Königlich Preußisches Hauptgestüt Trakehnen“.
Der Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II (1786 – 1797) erkannte den großen wirtschaftlichen Nutzen der Landespferdezucht. Mit der Berufung von Carl Heinrich Graf v. Lindenau zum Oberstallmeister hatte er eine gute Wahl getroffen. Er galt zu seiner Zeit als der beste Hippologe, Reiter und Organisator. Unter seiner Leitung und mit Rückendeckung des Königs wurde die preußische Gestütsverwaltung völlig neu konzipiert. Trakehnen spielte dabei eine zentrale Rolle. Dem Hauptgestüt wurde auf königliche Order hin die vordringliche Aufgabe zugewiesen, durch die Züchtung und Bereitstellung von Hengsten für die preußischen Landgestüte maßgeblich zur Verbesserung der Landespferdezucht beizutragen. Die Belieferung des Marstalles mit Nachwuchspferden war nachrangig geworden. Im Jahr 1787 traf Graf Lindenau in Trakehnen ein, um sämtliche Pferde einer Generalmusterung zu unterziehen. Es galt die Spreu vom Weizen zu trennen. Von 38 Hengsten wurden 25 und von 358 Stuten 144 ausgemustert. Die scharfe Selektion hatte ihre Gründe: Viele Pferde waren nicht starkknochig genug, zu wenig rumpfig, gingen hinten zu eng, einige wiesen Hasenhacken, die Anlage zu Spat und Bockhuf auf. Auch wurde unter Beachtung des Blutanteils und ihres Exterieurs eine Aufteilung in Reit- und Wagenpferdgestüt vorgenommen. Rappen, Braune und Füchse wurden als Wagenschlag den Vorwerken Gurdzsen, Kalpakin bzw. Guddin zugeteilt, während das Reitgestüt mit der gemischtfarbigen Herde nach Trakehnen und Bajohrgallen kam.
Eine weitere Neuerung, die das Gestütsleben bis zur Neuzeit prägen sollte, war 1787 die Einführung des Brandzeichens, der einfachen siebenzackigen Elchschaufel. Dieses Markenzeichen trugen zunächst nur die Pferde des Reitschlags, ab 1815 alle in Trakehnen geborenen Pferde auf dem rechten Hinterschenkel. Gleichzeitig wurde eine offizielle Gestütsbuchführung mit Zuchtregister und Zuchtbuch eingerichtet. Noch im Jahr 1787 wurde das Litauische Landgestüt mit den Marställen in Trakehnen, Ragnit, Insterburg und Oletzko errichtet. Von Trakehnen, das zwei Jahre früher gegründet wurde als das Landgestüt Celle im Königreich Hannover, gingen die entscheidenden Impulse für die gesamte Landespferdezucht Preußens aus. Somit ist das Jahr 1732 auch das Gründungsjahr der später immer bedeutsamer gewordenen Preußischen Gestütsverwaltung.
Die Leitung der Landgestüte erfolgte von Trakehnen aus, wo erstmals als Landstallmeister Friedrich Carl v. Brauchitsch residierte. Er führte den Titel „Landstallmeister von Litauen“. Aus dieser Zeit datiert auch die Errichtung des Trakehner Schlosses. Bereits damals gab es ein Zuchtziel: Für das Reitgestüt wurde eine fortschreitende Veredelung unter Bevorzugung Arabischer Hengste als Hauptbeschäler angestrebt, im Wagengestüt sollte mehr auf Gleichheit geachtet und nicht zu viel und nicht zu wenig edles Blut eingesetzt werden. Im Jahr 1788 begann dann auch der Ankauf von Kavallerieremonten in Preußen, der später große wirtschaftliche Bedeutung für die Region erlangen sollte. Der Preis für ein Dragoner-Pferd lag bei 60 Gold-Talern, die leichteren Husaren-Pferde waren etwas günstiger. Gleichzeitig entwickelten sich in der Region eine Reihe größerer Privatgestüte, die sich besonders der Remontezucht annahmen.
Trotz harter Einbrüche wies die Pferdezucht in Trakehnen eine große Kontinuität auf. Landstallmeister Graf v. Lehndorff konnte nachweisen, dass im Jahr 1931 von 282 Mutterstuten 138 in direkter Linie auf 16 in den Jahren 1771 bis 1788 in Trakehnen geborene Stammütter zurückgingen. Nach dem zweiten Weltkrieg waren es 28 Hauptgestütsstuten, die nach Westdeutschland gerettet werden konnten, die entscheidend bis zum heutigen Tag zur Blüte der Trakehner Pferdezucht beigetragen haben. Ihre Wurzeln reichen weit bis ins 18. Jahrhundert zurück. Stellvertretend seien hier die Grandes Dames POLARFAHRT v. Bussard, KOKETTE v. Cancara und HALENSEE v. Hannibal, Juwelen der Trakehner Pferdezucht, genannt, deren geschlossene Ahnenreihe bis 1775 bzw. 1780 zurückreicht. Die gegenwärtigen Spitzendressurpferde Münchhausen TSF und Tannenhof’s Solero TSF führen jene drei Stammstuten in ihrem Pedigree. Dr. Horst Willer
SUMMARY
275 years ago, the stud farm of Trakehnen was established by king Friedrich Wilhelm I in the northeastern part of East Prussia. First and foremost the stud was intended to produce native horses for the royal stable and the Prussian army. The first decades of the stud´s existence are characterised by setbacks due to inadequate breeding stock and a milking strategy on the part of king Friedrich II. In 1786, Trakehnen was turned into state property. Senior equerry Carl Heinrich Count Lindenau was committed to systematic breeding of riding and carriage horses and Friedrich Carl von Brauchitsch became the first state stud director to reside in Trakehnen. In sync with the establishment of the first regional state studs, the early 19th century equine experts placed emphasis on the addition of Arabian and Thoroughbred blood to the breed.



