Die meisten Hengste eines Jahrgangs werden am letzten Oktober-Wochenende in Neumünster gekört. Aber eben nicht alle. Denn es gibt viele Möglichkeiten für einen Hengst, die Qualifikation für die Teilnahme am Zuchtprogramm zu erreichen. Zuchtleiter Lars Gehrmann über zweite Bildungswege von 1986 bis 2006.
Die Zuchtprogramme der deutschen Pferdezucht sind liberaler und flexibler geworden. Gar nicht mehr zu vergleichen mit den strengen Maßregeln der Preußischen Gestütsverwaltung. Heute kann ein Hengst, der von einer Körkommission nicht gekört wurde, jederzeit wieder zur Körung vorgestellt werden, wenn er die notwendigen Leistungsanforderungen erfüllt. Das war vor einigen Jahrzehnten undenkbar: einmal nicht gekört – niemals gekört. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Pferde durchaus Formschwankungen unterworfen sind. Körurteile werden auf der Basis weniger Präsentationsminuten im jungen Alter der Pferde und ohne Sattel ausgesprochen. Da bleibt Spielraum für überzeugende Nachbesserungen und erstaunliche Entwicklungsmöglichkeiten.
Der erste Hengst, der nach einem ablehnenden Urteil die Qualifikation für die Zucht geschafft hat, war Heimherr (v. Cesar). Obwohl der Fuchshengst 1975 in Rheinland-Pfalz für die dortige Landespferdezucht gekört wurde, erhielt Heimherr von der Trakehner Körkommission 1976 in Delingsdorf eine Ablehnung. Das war für damalige Verhältnisse schon außergewöhnlich. Es dauerte noch einmal zehn Jahre, bis Heimherr aufgrund seiner sportlichen Erfolge in Springprüfungen der Klasse S 1986 auch für die Trakehner Zucht anerkannt wurde. Er wurde sogar zunächst auf 30 Stuten begrenzt, was ihm züchterisch eher geschadet hat. Der zweite Bildungsweg war also in diesem Fall der Sport.
Überraschung bei der HLP
Auf der Vorauswahl zum Trakehner Hengstmarkt 1986 stellte der ostpreußische Züchter Günter Regenbrecht aus Bedburg-Hau am Niederrhein auf dem zentralen Musterungsplatz Vogelsangshof einen zweieinhalbjährigen Junghengst v. Pasteur xx aus der Traumlicht von Hartung vor. Der sehr große Braune war schmal, leer, schlaksig, nicht ausbalanciert und als Hengst wenig ausdrucksvoll. Die Auswahlkommission bestand aus dem damaligen Zuchtleiter Dr. Eberhard Senckenberg und den beiden verdienten und erfahrenen Trakehner Ehrenvorsitzenden Ulrich Poll und Gottfried Hoogen. Sie lehnte den Hengst für die Körung in Neumünster ab, weil auch die Formation des Hinterbeins einige Wünsche offen ließ.
Im Herbst des darauffolgenden Jahres gewann ein Trakehner Hengst die 100 Tage-Prüfung in Medingen mit dem Aufsehen erregenden Gesamtindex von 145 in einem Starterfeld von 45 Hengsten! Das war schon toll. Aber fast sensationell war, dass dieser HLP-Sieger nicht gekört war. Denn der Pasteur xx- Sohn aus der Traumlicht von Hartung war auf der Vorauswahl im Vorjahr abgelehnt worden. Unter dem Namen Testarossa wurde er im Februar 1988 gekört. Testarossa, der 1988 auch das Landeschampionat von Rheinland-Pfalz gewann, deckte zwei Jahre bei Otto Stach in Miesau und wurde 1990 nach Schweden verkauft. 2002 kam er zurück nach Deutschland, ging aber im Juli des Jahres ein.
Die Erkenntnisse dieser Geschichte sind vielfältig und wurden damals auch von der Auswahlkommission kommentiert: „Das Pferd ist ein sehr veränderliches Wesen“, sagte Gottfried Hoogen und betonte die enormen Entwicklungsmöglichkeiten junger Pferde bei entsprechender Handhabung. „Auch ein Wallach kann eine Hengstleistungsprüfung gewinnen“, sagte Eberhard Senckenberg ohne Anspielung auf Testarossa, aber wohl mit dem Hinweis, dass eine Hengstleistungsprüfung allein noch keinen Hengst macht. Und Ulrich Poll bemerkte konsequent, dass Testarossas Hinterbein eines Beschälers unwürdig sei, womit er insofern Recht behielt, da dies auch ein großer Schwachpunkt seiner Vererbung werden sollte.
Testarossa war der erste Hengst, der auf einer Vorauswahl abgelehnt und später doch gekört wurde. Sein zweiter Bildungsweg war die Hengstleistungsprüfung. Einen ähnlichen Verlauf nahmen die Jugendjahre der später gekörten Hengste Solonel, Sambatänzer und Insterburg, der sogar auf der Körung in Leverkusen prämiert wurde. Die Vorauswahl zur Körung ist eine Momentaufnahme und keine Kommission sollte sich anmaßen, diesen Eindrücken lebenslängliche Gültigkeit beizumessen. Gerade im Pferdesport und in der Pferdezucht werden Prognosen für morgen schnell zu Falschmeldungen von gestern.
Grundsätzlich ist der Umweg über die Hengstleistungsprüfung zum positiven Köurteil sehr populär. Das gilt besonders für Hengste, die zum Beispiel in Neumünster nicht gekört wurden und dann nach erfolgreich abgelegter Leistungsprüfung wieder vorgestellt werden. Eine Garantie ist dieser Weg jedoch nicht. Viele nicht gekörte Hengste gehen in eine Prüfung, nur ein Bruchteil dieser Hengste stellt sich der Körkommission und wiederum nur ein Teil dieser Hengste wird gekört. In den vergangenen fünf Jahren wurden 20 Hengste mit 30-Tage-Test zur Körung vorgestellt, von denen am Ende sieben gekört wurden. Besser war das Verhältnis von Hengsten mit 70- oder 100-Tage-Test: Von 19 vorgestellten Hengsten wurden 10 gekört. Und noch besser war das Verhältnis bei den Sporthengsten: Von fünf vorgestellten Sportlern wurden alle gekört.
Interessanterweise haben viele der zunächst nicht gekörten Hengste, die dann mit HLP gekört wurden, Karriere im Turniersport gemacht und waren oder sind bis zur schweren Klasse erfolgreich. Dazu gehören bekannte Vererber wie Friedensfürst, Ivernel oder Enim Pascha sowie eine Reihe anderer Hengste, wie zum Beispiel Sponeck, Komponist, Steinburg, Cupric xx, Heinrich der Welfe, Lücke oder Polarzauber. Diese Hengste bewiesen ihre Rittigkeit und ihr hohes sportliches Niveau auch über die Hengstprüfung hinaus.
Überzeugend sportlich
Was Heimherr 1986 vormachte, ist auch heute möglich, doch es ist ein langer Weg: die Körung über den Sport. Die meisten Hengste, die über den Sport gekört werden, sind Turnierpferde, die Hengst geblieben sind, aber niemals für eine Zuchtselektion vorgestellt wurden. Die deutsche Zucht verdankt den Einsatz dieser Hengste also mehr dem zufälligen individuellen Schicksal. Für die Trakehner Zucht gilt dies insbesondere für Sporthengste, die aus Osteuropa importiert wurden. Dazu gehören zum Beispiel Eufratas, Biotop, Long Deal, Acartenango, Perechlest oder Waitaki.
Anders ist es mit Hengsten, die im jungen Alter keine Anerkennung durch die Körkommission fanden, dann aber mit mehr als den geforderten fünf Platzierungen an 1. bis 3. Stelle im Gepäck zur Körkommission zurückkommen. Nach Heimherr geschah das in den vergangenen 20 Jahren sieben Mal erfolgreich. Dabei ist gerade den drei jüngsten Fällen eine große züchterische Chance zu gönnen:
• Payano (v. Herzruf) präsentierte sich als Junghengst auf der Körung in Alsfeld etwas sparsam in den Grundgangarten, überzeugte seine Kritiker aber unter dem Sattel. Mit Terhi Stegars feierte er viele große Dressurerfolge, zu denen auch der Gewinn der Finnischen Meisterschaft gehörte. 2003 wurde er in Leverkusen im Alter von neun Jahren gekört und 2007 startet er seine züchterische Karriere im Gestüt Hohenschmark.
• Kairos (v. Leonardo) wurde ebenfalls als Junghengst in Alsfeld nicht gekört, wobei sein besonderes Springtalent schon klar erkennbar war. Holger Hetzel nutzte das Talent und brachte den Fuchshengst international heraus, wobei Kairos auch körperlich eine sehr positive Entwicklung machte. Er wurde 2004 im Alter von 8 Jahren gekört.
• Kaiserkult ( v. Van Deyk) wurde anders als sein ein Jahr jüngerer Vollbruder Kaiserdom als Junghengst zunächst nicht gekört. Seine sportliche Karriere verlief so steil, dass Dorothee Schneider gar nicht daran dachte, ihn in eine Hengstleistungsprüfung zu senden, sondern gleich das große Viereck ansteuerte. Kaiserkult wurde 2005 im Alter von sieben Jahren gekört, nachdem er Bundeschampion wurde und entsprechende S-Erfolge aufzuweisen hatte.
Legitimer Widerspruch
Eine andere Variante, nach einem negativen Körurteil zum züchterischen Ziel zu gelangen, ist der Widerspruch gegen das Körurteil. Am 1. Dezember 1992 wurde der damals 12-jährige Nandino xx auf der Nachkörung in Medingen nicht gekört. Aussteller und Besitzer Hubertus Poll legte Widerspruch ein und auf einer sogenannten Revisionskörung am 12. Januar 1993 wurde Nandino xx gekört. Ihm folgten in den kommenden Jahren bis 2006 insgesamt 17 Widersprüche, aus denen dann sieben positive Körurteile hervorgingen: Zigeunerheld xx 1985, Baba Karam xx und Abrek 1986, Donauprints und Sauvignon 1987, Radscha 1999, und Herzog von Nassau 2005. Die Widerspruchskörung ist ein durch die Satzung des Trakehner Verbandes legitimiertes Mittel, dem man frei von Emotionen begegnen sollte, um die Gerechtigkeit gegenüber dem einzelnen Hengst in den Vordergrund zu stellen. Das besondere Merkmal dieser Körung ist eine personell anders zusammengesetzte Körkommission, die eigens als Widerspruchskommission vom Gesamtvorstand für jeweils drei Jahre gewählt wird.
Manchmal gibt die Körkommission einem Junghengst die Empfehlung zur wiederholten Vorstellung mit auf dem Weg. Das Urteil lautet dann „vorläufig nicht gekört“ und ist normalerweise mit der Auflage verbunden, dass der betreffende Hengst nach einer erfolgreich abgelegten Leistungsprüfung nochmals wieder vorgestellt werden sollte. Dies betrifft vor allem noch wenig entwickelte Junghengste, die in ihrer Art des Auftretens aber eine interessante Perspektive erkennen lassen. Innerhalb der Trakehner Zucht haben bisher vier Hengste diese Möglichkeit mit einem positiven Körurteil abgeschlossen: Budweiser Classic, Key West, Mayong und Der Dürer.
Für den einzelnen Züchter ist der zweite Bildungsweg häufig zu zeitaufwendig und teuer. Gerade die reiterliche Fortbildung erfordert heute ein hohes Niveau und stößt in manchem Züchterstall an ihre Grenzen. Doch, wie schon erwähnt: Noch nie vorher waren die Möglichkeiten für diese Alternativen so vielfältig und liberal in der praktischen Handhabung. Das ist auch eine richtige und zeitgemäße Entwicklung, denn Pferde verändern sich. Körkommissionen übrigens auch.
SUMMARY:
In German horse breeding, the breeding programmes have become more liberal due to an increased awareness of the variations in form and maturity in young horses. Accomplishments in competition, often in combination with a good stallion performance test as well as the re-inspection of colts leaving Neumünster with the verdict “not approved for the time being, to be re-presented later” may also result in approval for breeding. In agreement with the regulations of the Verband, the owner may also enter an objection to have a colt re-inspected by a special grading commission elected by the board. Many of the stallions not approved in the first effort, but after completing the performance test, have been or are being successful competition horses to S-level.



