Freitag, 18. Mai 2012
 



Züchter von Warmblutpferden sind traditionell den klassischen olympischen Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit verbunden. Für Dressur- und Springpferde gab und gibt es immer einen guten Markt mit Absatzchancen. Schwieriger gestaltet es sich für Züchter, die sich auf die Vielseitigkeit spezialisieren. Noch schwieriger wird es, wenn man den neuesten Trend in der Züchterszene, den so genannten „Huntermarkt” mitmachen möchte, um seine jungen Pferde in den USA und Kanada gewinnträchtig an den Mann zu bringen. Einschlägige News im Internet und den Printmedien, die das Wunderwort „Hunter” immer wieder in die Runde werfen, lassen Neugier aufkommen und Hoffnungen keimen.


„Der Trakehner“ blickt hinter die Kulissen des Huntersports in Nordamerika. Der erste Teil der Reportage beschäftigt sich mit den Pferden, ihren Merkmalen und den spezifischen Problemen der Trakehner am Markt in den USA. Im zweiten Teil stellen wir einige der erfolgreichsten Trakehner Hunter in Nordamerika vor sowie Züchter, die sich auf diese Pferde spezialisiert haben.
Was ist ein Hunter? Mitunter trifft man Züchter, die der Meinung sind, ein Pferd, das nichts richtig kann, ist ein Hunter. Leider ist das eine grobe Fehleinschätzung. Kaum eine Zucht hat ein derart eng definiertes Endprodukt, wie die der Hunter. Der Huntersport hat sich in Nordamerika aus dem klassischen Jagdreiten entwickelt, wobei der Geländeteil heute durch einen Parcours ersetzt wird, der sich durch besonders lange Linien und naturnah gestaltete Hindernisse auszeichnet. Die Ausstrahlung und Eleganz alter englischer Reitjagden, wo die Mitstreiter in Reitfrack und Zylinder zu Pferde saßen, ist heute übergegangen in ein penibel-perfektes Herausbringen des Pferdes und des Reiters. Hier findet man wahrlich kein Staubkorn mehr am perfekt glänzenden Pferdekörper.

Die Anforderungen
Die klassische Hunterprüfung besteht aus einem Parcoursspringen und einer der Materialprüfung ähnlichen Überprüfung der Grundgangarten und Rittigkeit. Der Parcours, der je nach Leistungsklasse Sprünge von 60 cm bis max. 120 cm aufweist, sollte in möglichst ruhiger, unaufwendiger und gleichmäßiger Art überwunden werden, wobei der Strecke zwischen den Sprüngen die gleiche Aufmerksamkeit im Richterhäuschen geschenkt wird, wie den Sprüngen selber. Und auch hier gilt, dass man mit europäisch-effizienter Art „fehlerfrei drüber, wie ist egal“, nicht weit kommt. Der ideale Hunter springt mit wenig Aufwand, ohne Zug vor dem Hindernis, bringt sein Gewicht erst vor dem Absprung auf die Hinterhand, springt mit rundem Rücken, gut aufgewölbtem Hals und einem schnellen Vorderbein, welches absolut im Gleichmaß zu sein hat. Die Vorderfußwurzelgelenke werden hoch angewinkelt, der Rest des Beins hängt aber gleichmäßig nach unten. Nach der Landung, die möglichst ohne viel Geräusch abläuft, erwartet man vom Hunter, dass er in dem gleichen Tempo weitergaloppiert. Freudensprünge, Kopfschlagen, deutliche Einwirkungen des Reiters oder angelegte Ohren werden mit Punktabzug quittiert. Kurz, der Hunter absolviert seinen Parcours ohne Gefühlsregung und in möglichst makelloser Manier. Dem Parcours schließt sich die Überprüfung der Grundgangarten an, wobei auch hier wieder gilt: weniger ist mehr. Von den Pferden wird erwartet, dass sie sich elastisch und mit minimalem Aufwand in den Bewegungen präsentieren. Der Reiter hält feinste Verbindung zum Maul, die Nase ist grundsätzlich vor der Senkrechten und der Hals lang gestreckt. Die Übergänge sind fließend und ohne merkbares Wehren des Pferdes zu gestalten. Dieser Teil der Prüfung, der „Tack”, macht deutlich, welches Wesensmerkmal das A+O eines guten Hunters ist: ein absolut ausgeglichenes Temperament.

Die Merkmale eines Hunters
Neben gutem Springvermögen und flachen, aber sehr ergiebigen Bewegungen, zählen ein harmonisches Exterieur, ein korrektes Fundament und ein hochedler Typ mit kleinem Kopf, kleinen Ohren und großen Augen zu den Eckpunkten eines guten Hunters. Besonders wichtig sind auch physische und mentale Belastbarkeit (das oft stundenlange Training an Longen und monotones Reiten fordern ihren Tribut!) und ein gutes Balancegefühl, ebenso eine natürliche Affinität zu fehlerfreien fliegenden Wechseln. Und auch an Fellfarbe und Geschlecht werden gewisse Forderungen gestellt. Gerne gesehen sind bunte Pferde, solange die Abzeichen gleichmäßig ausfallen. Füchse tun sich in der Regel schwerer als Braune, Rappen oder Schimmel und am häufigsten trifft man auf Wallache. Stuten und Hengsten wird ihre Hormonbelastung vorgeworfen. Und sollten gute Stuten im Sport unterwegs sein, so sind in den meisten Fällen Regumate oder andere hormonsteuernde Mittel mit im Spiel. Hengste haben es naturgemäß am schwersten. Es kommt nicht selten vor, dass in Deutschland gekörte und viel versprechende Hengste in die USA als Hunter verkauft werden und als erstes gelegt werden. Hengste, die erfolgreich Hunterprüfungen bestreiten und auch Hengst sein dürfen, sind die Perlen in der Zucht, denn bei ihnen sind vor allem die Temperamentswerte unantastbar. Neben den Temperamentsproblemen ist es die verlängerte, sehr kostspielige Quarantäne beim Export nach Nordamerika, die Käufer von Stuten und Hengsten abhält.
Absolut keine Kompromisse machen Käufer beim Fundament. Hier werden schon kleinste Stellungsfehler mit Absagen quittiert, ebenso Unreinheiten im Gang wie z.B. das Bügeln.

Die Hunterzucht und ihre Entwicklung
Traditionell waren die Top Hunter in den USA Vollblüter. Eigenständige Hunterzüchter gibt es erst in letzter Zeit mehr, denn der Markt hat einen großen Haken für Züchter: Abstammungen interessieren die wenigsten Käufer, und junge Pferde ohne Sattelerfahrung verkaufen sich so gut wie gar nicht. Für gut ausgebildete Hunter, die Kinder oder Jugendliche ohne äußere Gefühlsregung wie ein Uhrwerk durch Parcours und Tack tragen, werden von finanzkräftigen Eltern ohne Probleme sechs- bis siebenstellige Summen ausgegeben! Es zählt nur die Show, denn Gewinngelder gibt es fast nie. Trainer, die sich auf die Ausbildung von Huntern spezialisiert haben, sind ihr Gewicht in Gold wert und bestimmen gleichzeitig auch komplett den Markt – sie entscheiden, wer welches Pferd zu kaufen hat.
Mit dem Rückgang der ursprünglich stark blutgeprägten Zuchtpferde kam fast zeitgleich der Aufstieg blutgeprägter Warmblüter. In Deutschland und vor allem den Niederlanden hat es schon früh Züchter gegeben, die diesen Markt mit wachsendem Interesse verfolgt haben und sich mittlerweile komplett auf das Züchten und Anreiten junger Hunter für Nord Amerika spezialisiert haben. Ebenso gibt es Vermittler in Europa, die nichts anderes tun, als junge Talente zu sichten und zu kaufen. Hier ist es keine Seltenheit, dass gerade angerittene drei- und vierjährige Pferde ohne Turniererfahrung für 15.000 ? und mehr den Stall verlassen.
Für Trakehner Züchter ergibt sich hier durchaus eine Chance, ein neues Segment am Markt zu erkunden. Um die Lage richtig einschätzen zu können, sollte man ein paar politische Gegebenheiten nicht außer Augen lassen. Zum einen wäre da die immer wiederkehrende Mär vom „schwierigen” Trakehner, dem heißen Ofen. Eine Meinung, die man immer wieder in den USA auf Turnieren hört, meistens von Reitern, die nie in ihrem Leben einen Trakehner hatten. Da dem Zuchtgebiet der Pferde in Hunterprüfungen so gut wie keine Bedeutung beigemessen wird (aber alle sicher sind, keinen Trakehner zu wollen!), ist es nicht verwunderlich, dass einige der absoluten Superstars unter den Huntervätern Trakehner waren und sind. Auf diese Hengste und ihre Züchter gehen wir in unserem nächsten Teil näher ein. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass Trakehner Hengste in diesem Markt in Nordamerika sehr wohl ein gewichtiges Wort mitzureden haben, wieso sollte sich Nachzucht aus Europa dann nicht auch vermarkten lassen?

Der Verkauf von Huntern in Europa

Züchter, die einen Hunter verkaufen wollen, sollten auf eine sehr detaillierte Ankaufsuntersuchung vorbereitet sein. Treten Vermittler oder Zwischenhändler als Käufer auf, hat es ein Pferd ohne makellosen TÜV extrem schwer. Anders stellt sich die Lage dar, wenn der Endverbraucher direkt einkauft, hier ist die Kompromissbereitschaft eher ausgeprägt. Der Dreh- und Angelpunkt sind gute Vermittler in den europäischen Züchterställen. Und den Züchtern muss klar sein, dass mehr verlangt wird, als ein Pferd, was nichts richtig kann. Die Pferde sollten eben nicht wie heute üblich als Remonten schon passagieren. Man erwartet junge Pferde die im Gleichgewicht und völlig spannungsfrei, mit dem Nasenrücken vor der Senkrechten, entspannt ihre Runden ziehen. Hier sind scharfe Gebisse oder Hilfszügel fehl am Platz. Es schadet nicht, wenn zum Verkauf stehende Hunteranwärter makellos herausgebracht sind, und gute Hufpflege, Gesundheit und gutes Benehmen sind Voraussetzungen. Das Springvermögen demonstriert man unter dem Sattel nicht über Maximalabmessungen, sondern eher durch kleinere, in Reihe stehende Hindernisse, die den Hunteranwärter im besten Licht zeigen,  ohne Rhythmusstörungen im Gleichmaß und im Handgalopp. Spätestens hier zeigt sich, dass dem Anreiten und Herausbringen des jungen Pferdes wirklich viel Beachtung beizumessen ist und dass sich bei weitem nicht jedes Pferd zum Hunter eignet.

Der Trakehner als Hunter
Erfahrene Hunterzüchter in den USA, die sich dem Trakehner verschrieben haben, sind durch die Bank der Meinung, dass gerade der Trakehner ein Paradebeispiel für den Huntermarkt sein kann. Von Absatzschwierigkeiten keine Spur. Connie Kempter, die im kanadischen Quebec eine Deckstation betreibt, hebt in einem Gespräch heraus, dass sie es in erster Linie dem hervorragenden Temperament ihrer CARINO *E*-Nachkommen zuschreibt, sich über Nachfrage nicht beschweren zu können. Der Liguster-Sohn, dessen Söhne heute auch erfolgreiche Hunter sind, und den wir in der nächsten Ausgabe weiter vorstellen, hat Sportpferde für Amateure und Profis gleichermaßen gebracht. Connie Kempter sieht für die Trakehner eine gute Zukunft in diesem Markt. Ähnliches sagt auch Carole Putkonen, die Besitzerin des Rapphengstes ZULU MV v. EH Herzzauber. Carole Putkonen ist schon lange im Huntergeschäft zu Hause und betreibt erfolgreich eine Zucht, in der sie ihre Vollblutstuten mit Zulu MV anpaart. Der Hengst ist fast überall in den USA auf den Turnierplätzen präsent und seine Nachzucht erfreut sich wachsender Beliebtheit. Auf die Nachfrage, warum das so ist, sagt auch Carole Putkonen, dass es vor allem das Temperament und die wunderschönen Typen sind, die Käufer zu ihr bringen. „Zulus Fohlen sind wie große Schoßhunde, und mehr wollen Eltern für ihre Kinder nicht. Wenn diese Pferde dann auch noch toll aussehen und jede Prüfung mit großer Gelassenheit absolvieren, dann sind alle glücklich.“ Carole Putkonen und Connie Kempter stellen beide Hengste, und nicht Wallache, in den großen Prüfungen vor und beweisen damit, dass Trakehner nicht nur als Wallache charakterfeste Sportpferde sind.
Das klassische Beispiel, wie es auch erfolgreichen gekörten Hengsten gehen kann, ist der Elitehengst HEINZELMANN *E*. Unter dem Turniernamen Storyteller ging der Bukephalos-Sohn hocherfolgreich im Sport, wurde dann für eine astronomische Summe verkauft und als erstes gelegt ... so verschwinden Linien, die gerade dieser Zuchtrichtung wichtige Impulse verleihen konnten. Sein gekörter Sohn ASHER, der bei Nancy Fagan-Bressi in Kanada auf Station steht und auch im Sport geht, hält diese Linie aufrecht. Und auch Nancy Fagan-Bressi bestätigt, was andere erfolgreiche Züchter in den USA sagen: Für die Trakehner geht es aufwärts in dieser Disziplin. Wie überall im Exportgeschäft gibt es auch hier das Problem, dass einheimische Züchter und Verkäufer oft misstrauisch nach Europa schielen, denn sie wittern, dass ihnen ein Markt weggenommen wird. Auf der anderen Seite ist das eine Chance, die eine weltweit agierende Zucht nicht verpassen darf. Und die Anforderungen an Pferde für den Huntersport sind immer noch so speziell, dass in naher Zukunft wohl kaum mit einer Hunterschwemme zu rechnen ist.    
Dr. Maren Engelhardt
    

Hunter – was ist das?
„Der Begriff Hunterklasse ist relativ neu und bezeichnet eine seitens der FN neu definierte Prüfungsklasse. Nach Beratung der Sportkommission haben wir zwei Hunterprüfungen mit in die Ausschreibung des Trakehner Bundesturniers aufgenommen. Offen für Leistungsklassen 4-6 und belegt mit einem Alters-Handicap für Reiter Jahrgänge 1985 und älter richtet sich dieses Prüfungsangebot an Reiter, die mit Pferden ein leichtes Stilspringen reiten möchten. Bewertet werden u.a. Sitz und Einwirkung des Reiters, die harmonische Erfüllung der gestellten Aufgabe und der Gesamteindruck mit einer Wertnote“, so die Auskunft von Gisela Gunia, „Ich sehe diese Prüfung als ein schönes Angebot an Reiter, die vielleicht keine feste Turnierkarriere zum Ziel haben, aber dennoch ihre Pferde sportlich präsentieren möchten.“ Austragungsort wird der große Springplatz im Reiterstadion sein. Frei nach dem Motto „Dabei sein ist alles“ steigt die Vorfreude auf das große sportliche Trakehner Pferdefest.                            GB


SUMMARY:
The hunter sport, which is very popular in North America, is mostly unknown in Europe. However, since many years, warmblood breeders in Germany and the Netherlands have kept an eye on this specific market and have started to successfully sell hunter prospects with the help of trainers and brokers. Trakehner breeders have the opportunity to get a share of this growing market. The features of a good hunter prospect are well-defined and ask for a horse of excellent temperament, a most willing attitude, good scope over jumps, excellent balance and rhythm in its gaits and a natural talent to be supple and move with only light contact to the rider’s hands. In addition, only very noble and harmonious horses are considered good prospects. Der Trakehner is looking behind the scenes of the sport, explains, why especially Trakehners are suited so well, and in a second part in the next issue, will look at some of the bloodlines that are at the top of the game in North America.

Download dieser Leseprobe als PDF
Download dieser Leseprobe als PDF
Anzeigen