Das Zuchtziel war niemals Selbstzweck in Trakehnen. Es war niemals starr und fest, sondern variabel und anpassungsfähig – je nachdem wie der Absatz es vorgab. Und diese Vorgaben waren im Laufe der Geschichte des größten und bedeutendsten deutschen Hauptgestütes durchaus unterschiedlich.
Von einer zielorientierten und geordneten Zucht kann man in Trakehnen eigentlich erst ab dem Jahre 1786 reden. Also 54 Jahre nach der Gründung! Damals war Ludwig Carl Friedrich von Brauchitsch der erste Leiter Trakehnens, der seinen Wohnsitz auf dem Gestüt nahm und den Titel „Landstallmeister“ trug. Sein Vorgesetzter Karl Graf Lindenau, preußischer Oberstallmeister und Leiter der Königlichen Gestüte, war verantwortlich für die radikale Selektion der Zuchthengste und Mutterstuten im Jahre 1787, als 25 von 38 Hauptbeschälern und 144 von 356 Mutterstuten ausgemustert wurden.
Zuchtziel und Gestüt waren damals geteilt: in einen Reitpferdeschlag und einen Wagenpferdeschlag. Die Definitionen der Zuchtziele wurden sehr allgemein gehalten. Für die Reitpferde galt eine „fortschreitende Veredlung unter Bevorzugung unmittelbarer Araber“ als Hauptbeschäler und für die Wagenpferde sollte „nicht zu viel und nicht zu wenig edles Blut“ verwendet werden mit dem Augenmerk auf die Gleichheit der Pferde. Daraus entwickelte sich die Trennung der Stutenherden nach Farben.
Im Laufe der folgende Jahre und Jahrzehnte entwickelte sich die immer wichtiger werdende Aufgabe Trakehnens, die Landespferdezucht in Ostpreußen mit geeigneten Landbeschälern zu versorgen. Zwar wurden auch in den nächsten einhundert Jahren noch Wagenpferde für den königlichen Marstall nach Potsdam beziehungsweise Berlin geliefert, doch verlor diese Aufgabe Trakehnens fortschreitend an Bedeutung. Die Landbeschäler, die etwa zur Hälfte aus privater Zucht und zur anderen Hälfte aus Trakehnen stammten, sollten leistungsstarke Kavallerieremonten für die Armee liefern.
Trakehnens weitsichtiger Landstallmeister Friedrich Wilhelm von Burgsdorf war Initiator der Gründung des ersten Remontedepots in Ostpreußen 1821 und schon zehn Jahre später, 1831, war Preußen autark in der Versorgung der Arme mit Nachwuchspferden. Das war ein unglaublicher züchterischer und politischer Erfolg!
Die Burgsdorf-Ära Trakehnens (1814 – 1842) war geprägt von der öffentlichen Diskussion, ob dem Araber oder dem englischen Vollblüter der Vorzug zum Erreichen des Zuchtzieles gegeben werden sollte. Burgsdorf sah wohl einen hohen Veredlungsbedarf der Trakehner Mutterstuten, denn er importierte zahlreiche Hengste und Stuten aus dem Orient und aus England. Burgsdorf bevorzugte zunächst das arabische Blut, das unter anderem durch die Nachkommen von Turkmainatty repräsentiert wurde, aber auch durch Importhengste wie Nedjed ox, Bagdadly ox oder Oglan ox. Es ging um eine Vereinheitlichung des Typs, um dann zwecks vermehrter Größe, Linienführung und Rahmen mit englischen Vollblütern zu ergänzen. Dazu gehören Scrapall xx, Blackamoor xx und The Cryer xx.
Die Vorliebe für die „Wettläuferrasse“ gipfelte 1843 in der Anschaffung einer 30-köpfigen Vollblutherde in Trakehnen. Eine 1800 Meter lange Rennbahn entstand. Doch die Vollblutzucht schlug keine Wurzeln in Trakehnen, so dass die ostpreußische Züchterschaft es begrüßte, als 1866 die gesamte deutsche Vollblutzucht in das Preußische Hauptgestüt Graditz verlegt wurde.
Der technische Fortschritt in der Landwirtschaft hatte direkte Auswirkungen auf das Zuchtziel Mitte des 19. Jahrhunderts in Trakehnen. Die Landwirtschaft verlangte nach einer erhöhten Zugkraft und damit nach weniger Spezialblut. Die zunehmende Bedeutung der Landwirtschaft wird auch dadurch deutlich, dass die Preußische Gestütverwaltung 1849 vom Obermarstallamt in das Landwirtschaftsministerium wechselte.
Der Trakehner Landstallmeister August von Schwichow (1847 – 1864) steht für die sogenannte I. Verstärkungsphase in der Geschichte Trakehnens. Auf der Basis der soliden Stutenfamilien setzte von Schwichow verstärkt Halbblut- und weniger Vollbluthengste ein. Darüber hinaus konsolidierte er die Stutenherden durch nahe Verwandtschaftspaarungen, die der Inzucht oft näher waren als dem Blutanschluss. Prägende Vererber dieser Epochen waren unter anderem Thunderclap, Sahama xx und Oromedon. Aus der Ära des Landstallmeisters von Schwichow kommt der geflügelte Satz „Zu viel Adel – zu fein, zu viel Masse – zu gemein“.
Kennzeichnend für die wechselnden Zuchtziele in der Geschichte Trakehnens sind die polarisierenden Bedürfnisse des Militärs und der Landwirtschaft. Je nachdem welche Bedürfnisse volkswirtschaftlich wichtiger eingeschätzt wurden, hat sich die Zufuhr von Spezialblut in Trakehnen angepasst. Trakehnen war der Motor der ostpreußischen Pferdezucht, denn durch den Einfluss der Original-Trakehner Landbeschäler, deren Söhne, Enkel und Urenkel aus der Privatzucht, die ja auch die Original-Trakehner Ahnen führen, gab es quasi kein ostpreußisches Zuchtpferd, dessen Vorfahren nicht aus Trakehnen stammten. Dies wird eindrucksvoll dokumentiert durch den Band I des Ostpreußischen Stutbuchs, der 1890 veröffentlicht wurde durch den Landwirtschaftlichen Zentralverein für Litauen und Masuren. Aus ihm entwickelte sich später die Ostpreußische Stutbuchgesellschaft für Warmblut Trakehner Abstammung, die schon in ihrem Namen die Trakehner Zuchtbasis dokumentierte.
Wenn der gewünschten Änderung des Zuchtziels eine ungeduldige Züchterschaft gegenübersteht, wird der Marktanpassung zuweilen auch mit übertriebenen züchterischen Maßnahmen begegnet. Dies geschah in der Amtszeit des Landstallmeisters Gustav Adolph von Dassel (1864-1888), der im Rahmen einer weiterführenden Verstärkung drei Anglo-Araber und einen Hannoveraner einsetzte, was aber keine wesentlichen Spuren hinterließ. Schon deshalb konnten diese Versuche als misslungen interpretiert werden.
Die preußischen Feldzüge gegen Österreich (1866) und Frankreich (1879/71) rückten die Bedürfnisse der Armee wieder stärker in den Vordergrund und damit den Ruf nach Vollblut. Verlangt wurde ein ausdauerndes, genügsames, leichtes und gesundes Kavalleriepferd mit Geist und Ehrgeiz. Unter Landstallmeister von Frankenberg und Proschlitz (1888 – 1995) wurden rund 50 Prozent der Mutterstuten in Trakehnen mit Vollbluthengsten belegt.
1888 verstarb von Frankenberg und Proschlitz im Amt und ihm folgte Burchard von Oettingen, der in den ersten zehn Jahren seiner Amtszeit die sogenannte II. Verstärkung nach der Ära von Schwichow durchführte. Dazu bediente er sich vorwiegend der aus Beberbeck geholten Beschäler Optimus, Obelisk und Lehnsherr. Ausschlag für diese Verstärkung gab wieder die Forderung der Landwirtschaft nach schwereren Pferden für tiefere Ackerkulturen, wie Rotklee und Rüben.
Interessanterweise schlug die Zuchtrichtung noch in der Amtszeit von Oettingens (1895 – 1911) wieder ins Gegenteil um, weil die preußische Kavallerie, die aus Ostpreußen jährlich rund 7000 Remonten rekrutierte, ein wendigeres und leistungsfähigeres Pferd verlangte. In der ostpreußischen Landwirtschaft führte dies zu erheblichen Spannungen und nicht wenige Großgrundbesitzer wechselten von der Warmblutzucht in die Kaltblutzucht oder zu den Mischblütern.
Doch es war wohl eine staatliche Direktive, den Schwerpunkt des Zuchtziels in Trakehnen vermehrt auf die Remonteproduktion statt auf die Bedürfnisse der Zugkraft auszurichten und gleich zu Beginn der Amtszeit des Grafen Kurt von Sponeck (1912 bis 1922) verzeichnete Trakehnen einen historischen Rekord: Im Jahre 1913 wurden 83,5 Prozent der Mutterstuten in Trakehnen mit Vollblütern gedeckt! Es war die Blütezeit der populären Jagden, der Hindernisrennen und der Herrenreiter. Der 1. Weltkrieg verschonte jedoch auch Trakehnen nicht und der Wiederaufbau nach Flucht und Zerstörung dauerte Jahre.
Mit dem Versailler Vertrag von 1919 erhielt das geschlagene Deutschland die Auflage, das Heer auf 100.000 Mann zu reduzieren, was für Ostpreußen einen Rückgang der Nachfrage nach Kavallerieremonten um 80 Prozent zur Folge hatte. Der Absatz brach ein. Die Züchter mussten schon zufrieden sein, wenn sie ihre Pferde zum Beispiel durch Notverkäufe an die russische Militärverwaltung für ein Drittel ihrer Erzeugungskosten absetzen konnten. Die wenigen Remonten, die in Deutschland abzusetzen waren, sollten stärker sein als in der Vergangenheit, weil sie mehr Gewicht tragen sollten. Hinzu kam die nachdrückliche Forderung der Landwirtschaft nach stabileren Pferden im verstärkten Rechteckformat mit Kraft und großem Rahmen. Die staatliche Leitung stellte diese Forderung schon aus Gründen der Ernährungssicherung der Bevölkerung in den Vordergrund.
Graf Sponecks Nachfolger Siegfried Graf von Lehndorff (1922- 1931) kam mit dem Auftrag nach Trakehnen, die notwendigen Veränderungen des Zuchtziels umzusetzen. Dabei handelte es sich laut Dr. Martin Heling nicht nur um eine III.Verstärkungsphase, sondern um eine „völlige Umformung des Pferdes“. Heling: „Notwendig war vielmehr neben einer allgemeinen Verstärkung (Vergröberung) des gesamten Skeletts eine Umformung des Modells, die das ganze Pferd im Sinne des über viel Boden stehenden Lang-Rechteck-Formats zu erfassen hatte. Kurzbeinigkeit, Tiefe, Breite, Vollrippigkeit, Muskelfülle und mehr Kaliber beherrschten die Diskussion über die Eignung als landwirtschaftliches Arbeitspferd.“
Und diese Diskussion ging soweit, dass man sogar die Einkreuzung von Oldenburger Hengsten erwog. Doch nach den missglückten Zuchtversuchen mit dem Anglo-Normannen Floral in Trakehnen konnte Graf Lehndorff alle Fremdblutbestrebungen abwehren und schaffte den Umzüchtungsprozess aus der Reinzucht heraus durch geeignete Auswahl der Elterntiere. Das Ergebnis beschreibt Heling wie folgt: „Mit der größeren Bedeutung einzelner Körperpartien und mit der günstigeren Winkelung der betreffenden Skelettabschnitte zueinander im Sinne gesteigerter Kraftentfaltung bei natürlichem Gleichgewicht in eigener Selbsthaltung war zugleich eine größere Mechanik des Bewegungsapparates zu erzielen.“ Hinzu kamen erhöhte Anforderungen an die Belastbarkeit des Temperaments, um den Umgang mit diesen Pferden auch einem weniger geschulten Personal in der Landwirtschaft zu erleichtern. All das gelang nicht ohne einzelne Abstriche hinsichtlich Typprägung, Leichtfüßigkeit und Härte. Prägende Vererber dieser züchterisch so einschneidenden Epoche in den zwanziger Jahren waren Tempelhüter, Jagdheld, Pirat, Waldjunker, Dampfroß und Ararad.
Dem letzten Landstallmeister Trakehnens, Dr. Ernst Ehlert (1931 – 1945), gelang dann die synergetische Zusammenführung der züchterischen Ansprüche des wieder erstarkenden Militärs und der technisch fortschreitenden Landwirtschaft. Das Zuchtziel war in der Satzung der Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft klar definiert als ein Pferd, das für Militär- und Wirtschaftszwecke bestens geeignet sein muss. Dr. Schilke: „Um dieses Ziel erreichen zu können, darf die Landespferdezucht keine Spezialzucht sein. Das Modell der Mutterstute muss im mittelgroßen Längs-Rechteck-Rahmen, kurzbeinig, tief- und breitrumpfig, das Kaliber von beträchtlicher Wucht und Schwere, dabei der Typ von edlem Ausdruck, der Gang bei bedeutender Mechanik mit viel Nerv gerade und im natürlichen Gleichgewicht, das Temperament ruhig und arbeitswillig, die Konstitution hart und gesund sein.“ Das damals definierte Mittelmaß einer Mutterstute betrug zwischen 156 und 162 Zentimetern Stockmaß.
Die Zuchtgeschichte Trakehnens war also nie statisch, sondern immer in Bewegung und untrennbar verbunden mit der ostpreußischen Landespferdezucht und ihrer Landwirtschaft. Auch die über sechzigjährige Nachkriegsgeschichte des Trakehner Verbandes dokumentiert die stets notwendige Anpassung der züchterischen Maßnahmen an die Anforderungen des Absatzmarktes. Dabei spielte der Typ in der Trakehner Zucht immer eine wesentliche, aber nie die alleinige Rolle. Denn schon Dr. Schilke hat mehrfach betont, dass eine Zucht niemals aus Mangel an Typ aber immer aus Mangel an die Anpassung des Marktes in Absatzschwierigkeiten geriet. Lars Gehrmann
Quellen: Heling/Trakehnen, Schilke/Trakehner Pferde einst und jetzt
SUMMARY:
The breeding goal has never been rigid, but always subject to changes depending on the market. The different requirements for military versus agricultural use earmark the alterations of breeding goals within Trakehner breeding. Thoroughbred and Arabian influences on the breed varied depending on the economic valuation of these two spheres. After WW II, Dr. Fritz Schilke pointed out that no breed had ever run into marketing troubles for want of type, but for want of adjustment to market demands.



