Freitag, 18. Mai 2012
 


Paradieskoppel heisst der Platz im sächsischen Hauptgestüt Graditz, auf dem sich die Stuten der Neuen Bundesländer zu ihrer Landesstutenschau trafen. Ein treffender Name, denn auf der ehrwürdigen Anlage fühlt man sich wie im Paradies – und die Trakehner Weiblichkeit sorgte zudem für das beeindruckende hippologische Flair.


Eine schönere Bühne als die, auf der sich die edlen Damen der Neuen Bundesländer bei ihrer Landesschau präsentierten, wird man in Deutschland kaum ein weiteres Mal finden: das sächsische Hauptgestüt Graditz. Zum dritten Mal hatten die Verantwortlichen um den Zuchtbezirks-Vorsitzenden Friedhelm Mencke die besten Stuten in die historische Stätte geladen. Und die Bedingungen für das hippologische Spitzenereignis hätten besser nicht sein können – tauchte man doch von der ersten Minute ein in ein bezauberndes Ambiente vergangener royaler Zeiten: Die Meldestelle befand sich im schmucken Teehäuschen, untergebracht waren die Hauptdarstellerinnen im frisch renovierten Pensionsstall mit großzügigen Boxen. Vorbei am auf Hochglanz gebrachten Schloss schlenderte man durch die prächtigen Parkanlagen zur Paradieskoppel, die als Schauplatz diente. Kurz: Man konnte sich an der wunderschönen Umgebung nicht sattsehen!

Das Nennungsergebnis war mit circa 70 Stuten nicht übermäßig. Eine Tatsache, die Zuchtleiter Lars Gehrmann kennt: „Das ist eine Entwicklung, die sich durch alle Zuchtbezirke zieht. Es wird immer schwieriger, Züchter zu motivieren, ihre Stuten auf Schauen zu zeigen.“ Der Modus sei zu überdenken – eine Thematik, die auch bundesweit in den Zuchtverbänden überdacht werde. „Die Darstellung an der Hand ist überholt. Ich würde mir wünschen, dass die Delegierten in ihren Zuchtbezirken die Thematik diskutieren. Es ist dabei an Sattelpräsentationen und ans Freispringen zu denken“, so Lars Gehrmann. Die Qualität der angereisten Trakehner war gut. Das fand auch der Zuchtleiter: „Es hat sich gezeigt, dass die Leistung der Pferde eine deutlich positive Entwicklung gemacht hat und der Zuchtbezirk auf dem richtigen Weg ist.“

Zur Landessiegerstute rief das Richtertrio um Zuchtleiter Lars Gehrmann, Horst von Langermann, Geschäftsführer des Pferdezuchtverbandes Berlin-Brandenburg, und Dr. Martin Mehrtens, erster Vorsitzender des Trakehner Fördervereins, ULANA aus. Die dunkelbraune Schönheit vom E.H. Louidor aus der Ulla X von E.H. Bartholdy stammt aus der Zucht von Adolf Dörfler und steht im Besitz von Dr. Gisela Löwe vom Gestüt Meyenburg. Die Neunjährige ließ Horst von Langermann schwärmen: „Ulana war vom ersten Auftritt an wach und aufmerksam. Sie ist auffallend in ihrer Gesamtharmonie mit einem besonders schönen Gesicht. Ihre Bewegungen sind elastisch und als sie sich im Schritt fallengelassen hat, zeigte sich dieser geregelt mit viel Raumgriff.“

Auch Lars Gehrmann lobte: „Ulana ist eine wertvolle Siegerstute mit sicher gezogenem Pedigree, viel Mütterlichkeit, Rahmen und Ausdruck. Im Idealfall hätte man sich eine jüngere Stute auf dem ersten Platz gewünscht. Aber da mussten wir der Ausschreibung Rechnung tragen, dass eine Siegerstute bereits eine Zuchtleistung erbracht haben muss.“

Reservesiegerin wurde eine junge Vertreterin, die sich auf dem Gelände des Hauptgestüts bestens auskennt: die dreijährige St.Pr.u.Pr.St. ANMUT XII, deren Züchter der ausrichtende Gastgeber ist. Besitzer der sportlichen Fuchsstute sind Karin Pisarik und Karl-Heinz Paschen aus Österreich, aber das nicht mehr lange. Denn tags zuvor wurde Anmut von der Auswahlkommission für die Elite-Auktion beim Hengstmarkt in Neumünster angenommen. Horst von Langermann urteilte über die Stute, die in der Klasse der Dreijährigen zur Siegerin gekürt wurde: „Anmut ist bedeutend in ihrem Auftreten und verfügt über viel Rahmen mit einem sehr guten Antritt. Ihre gesamte sportliche Erscheinung wurde am heutigen Tag von keiner anderen Stute übertroffen.“

Mit der Ehrenklasse und der Familiensammlung teilte sich die Landesstutenschau in acht Abteilungen auf, wobei die Klasse der Zweijährigen mit 18 Nennungen am stärksten bestückt war. Der Zuchtleiter fasste die Gesamtqualität zusammen: „Wir haben einen interessanten Jahrgang mit gut entwickelten Stuten gesehen, wobei hier Erscheinung und Auftreten durch äußere Faktoren wie Fütterung, Training und Vorbereitung am stärksten beeinflusst werden.“ Rangiert wurden wie auch in den anderen Gruppen jeweils die 1a, 1b und 1c Stuten, alle anderen wurden mit der 1d-Prämie ausgezeichnet. Ein Novum bei einer Landesstutenschau, aber ein schlüssiger Gedanke: Schließlich motiviert man die Züchter so, auch weiterhin ihre Besten im Stall einem breiten Publikum und einem Richtgremium vorzustellen. Zudem wurden alle Aussteller in Graditz reich mit Urkunden, Sach- und Ehrenpreisen bis hin zu Freisprüngen bedacht. Dafür kann man dem Team um Friedhelm Mencke mit seinen zahlreichen Helfern nur ein großes Lob aussprechen.

Die Fuchsstute ANALOGIE bekam die Goldene Schleife im Endring der Zweijährigen angesteckt: Gezüchtet von Hans-Otto Löwe steht sie im Besitz des Hauptgestüts Graditz und stammt ab von Harlem Go-Inster Graditz. Die letzte Weiblichkeit etwas vermissend, bestach sie durch Großrahmigkeit und ihr hohes Maß an Sportlichkeit.

Die 1b-Prämie verdiente sich SHAKIRA v. Herzfunke-E.H. Hohenstein (Züchter und Besitzer: Eberhard Wiegand). Die formschöne Stute ist bereits weit gereift und überzeugte mit guter Bergauf -Tendenz in der Bewegung. Der 1c-Preis wurde an UNIQUE verliehen. Die K2-E.H. Louidor-Tochter aus der Zucht von Dr. Gisela Löwe strahlte mit bestem Typ und vornehmem Auftreten.

Die Gruppe der Dreijährigen bezeichnete Horst von Langermann als „Ballerina-Ring“. Schließlich seien hier, meist bedingt durch Eintragungen und Schauen, die Perlen der Zucht am besten in Schuss. St.Pr.u.Pr.St. Anmut XII sicherte sich den Titel der Klassensiegerin, ihr folgte dekoriert mit dem 1b-Preis Pr.St. SACRE DU PRINTEMPS II. Die sympathische braune Stute von Freudenfest-Kostolany (Z.u.B.: Bernhard Langels) verfügt über viel Substanz und Tiefe und punktete im Schritt. Auf Platz drei rangierten die Richter ALTE ART v. Kasparow-Luzifer, gezogen und beheimatet im Hauptgestüt Graditz. Leider war die Stute durch eine Verletzung etwas gehandicapt, in Typausprägung, Hals- und Oberlinienformation kam sie dem Ideal sehr nah.

Aus der bewährten Anpaarung Connery-Benz stammte die Siegerin in der Klasse der Vier- bis Fünfjährigen: St.Pr.u.Pr.St. ESTONIA II aus der hoch dekorierten St.Pr.u.Pr.St. Esprit, die 1999 an gleicher Stätte mit dem Titel der Landessiegerstute ausgezeichnet wurde. Züchter und Besitzer der sportlichen Fuchsstute ist Friedrich Wilhelm Böse. „Estonia  wusste von der ersten Minute an zu begeistern“, urteilte Dr. Martin Mehrtens, „sie hat ein elegantes vornehmes Auftreten, verfügt über einen Trab in vorbildlicher Manier und ist ein Edelpferd, wie wir es für unsere Zucht erwarten.“

Mit dem 1b-Titel geschmückt wurde die St.Pr.u.Pr.St. ZAUBERNUSS v. E.H. Gribaldi-Märchenprinz. Wiederum im Besitz vom Gestüt Meyenburg stehend, nahm die imposante Dunkelbraune vom ersten Auftreten an die Zuschauer für sich ein. Großrahmig, mit besonderen Stärken im Trab, ist Zaubernuss ein Vorbild einer modernen Trakehner Zuchtstute. GRACEFUL GIFT v. Handryk-Michelangelo aus dem Hause Peter Kunath bekam für ihre Weiblichkeit, gepaart mit dem guten Bewegungspotenzial, die 1c-Prämie.

Die Gruppe der Sechs- bis Achtjährigen präsentierte sich einheitlich: Vorne stand eine, die in der Klasse zuvor bereits ihre Vollschwester ins Rennen geschickt hatte: St.Pr.u.Pr.St. GLÜCKSPERLE. Die Schimmelstute v. Handryk a.d. St.Pr.u.Pr.St. Grace v. E.H. Michelangelo war im klaren weiblichen Outfit aufgemacht, ihre Bewegungen stets fleißig und raumgreifend. Auf den Plätzen folgten SO SO v. Nerv-E.H.Caprimond (Z./.B.: Peter Kunath), die mit viel Vorhandmechanik und gutem Schritt glänzte, und St.Pr.u.Pr.St. FLEUR LA ROUGE v. Freudenfest-Opal. Gezüchtet von Klaus-Dieter Haacke trumpfte sie mit ihren Bewegungen und ihrem souveränen Auftreten auf.

9 bis 14 Jahre – das war die weit gefasste Klasse der nächsten Abteilung, ein Altersabschnitt, in dem sich Stuten unterschiedlich präsentieren können. Landessiegerin Ulana bekam in ihrer Konkurrenz die Goldene Schleife. Der zweite Platz ging an St.Pr.St. FREUNDLICHKEIT II. Die Fuchsstute aus Graditz war 1999 zur Reservesiegerin der Schau proklamiert worden. Für ihr Auftreten, und das gilt auch für andere Stuten der Veranstaltung, wäre es klüger gewesen, ihr Fohlen mit in den Ring zu schicken. So zeigte sich die E.H. Maizauber-Vers I-Tochter unkonzentriert und angespannt. Freundlichkeit ist eine groß angelegte Stute, die durch einen energischen Antritt besticht und über gute Grundgangarten mit geregeltem Takt und gutem Raumgriff verfügt. Rang drei belegte SUNSHINE LADY v. E.H. Hohenstein-Mahagoni. Die im Besitz von Eberhard Wiegand stehende Stute zeigte sich mit markantem Gesicht und geregeltem Schritt.

Mittlerweile traditionell im Bild einer Landesstutenschau zu finden ist die Klasse der Halbblutstuten, die sich auf dem Gelände des Hauptgestüts Graditz sehen lassen konnte. Meist sportliche Stuten mit guter Bewegungsmechanik traten an, den Schmelz des Blüters immer wieder aufblitzen lassend. Beste ihrer Gruppe wurde CZARDASFÜRSTIN BO v. E. H. Friedensfürst a.d. Canosina xx v. Dom Monteverdi xx. Die Fuchsstute, die im Hause Andreas Bohn beheimatet ist, verfügt zwar nicht über die letzte Größe, hatte aber Sorte. Stets fleißig mit einer sehr guten Hinterhandaktivität zog sie, jedermann für sich einnehmend, ihre Runden auf der Graditzer Paradieskoppel.

Die Ehrenklasse hat immer Klasse! Die verdienten Stuten der Zucht zu sehen, lässt Herzen höher schlagen. Die 24-jährige St.Pr.St. LERCHE V wurde von den Richtern besonders herausgestellt. Denn an gleicher Stätte hatte sich die sympathische Fuchsstute schon einmal in der Ehrenklasse präsentiert! 15 Nachkommen kann die Stute v. Vers II-Humbert vorweisen, alle sind im Sport platziert. An der Hand ihrer Besitzerin Jenny Zimpel machte die Ehrwürdige dem Publikum in klarer Textur und mit trockenem Fundament ihre Aufwartung. „Mit solchen Stuten können andere Zuchtverbände kaum aufwarten“, schwärmte Dr. Martin Mehrtens.

In der Familiensammlung fanden sich drei Familien ein – die der Florence, der Esprit und der Grace. Mit letzterer hat Erfolgszüchter Peter Kunath Großes geleistet. Verdient ehrten die Richter das einheitliche Bild mit der 1a-Prämie. St.Pr.St. Glücksperle, Graceful Gift und GRACE HENRIKA sind drei Vollgeschwister v. Handryk a. d. St.Pr.St. GRACE V v. E.H. Michelangelo, die mit ihren drei Töchtern vorgestellt wurde. Zuchtleiter Gehrmann verfiel bei der Beurteilung der vier Prachtexemplare in Superlative: „Die Familie war absolute Spitze. Es war ein unglaublich tolles Bild, alle vier verfügen über beste Qualität. Diese Familie ist auch auf Bundesebene hochgradig konkurrenzfähig!“ Trakehner Typ und Adel mit vorbildlicher Bewegungsmanier – die Familie der Grace verkörpert das Trakehner Zuchtziel im besten Maße und so sorgte Peter Kunath bei der Landesschau der Neuen Bundesländer erneut für ein Highlight und einen würdigen Abschluss des eindrucksvollen Tages in Graditz.                  Julia Martin

 

SUMMARY

The 3rd regional Trakehner mare show of the breeding district East Germay was held on a site of singular historic importance. The famous main stud of Graditz has been splendidly renovated and provided an ideal venue for the show with entries ranging from 2-year-old fillies to veteran classes. The desired breeding progress became apparent in the show as well in the foal championships held the following day.

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