Projekt Nurmi sei Dank – drei Sieger aus einem Stall, genauer gesagt aus der Zucht von Dr. Marliese Dobberthien. Alle drei fanden sich später auf den Startlisten der Bundeschampionate wieder. Für „Der Trakehner“ gab die Züchterin Auskunft auf die Frage: Was muss ein Pferd können, um bei Projekt Nurmi zu starten?
Diese Frage stellt jede/r, der mit dem Gedanken spielt, sein Pferd zur Prüfung in Valluhn/Mecklenburg zu schicken. Mittlerweile ist der „Nurmi-Test“ als Feldprüfung für die Stutenleistung anerkannt und die Zulassung als Veranlagungstest für Hengste ist beantragt. Es müssen weder Häuser übersprungen, noch komplizierte Dressuraufgaben bewältigt noch müssen Sterne ausgetreten werden. Es werden vielmehr reelle Grundqualitäten, Leistungsbereitschaft, Balance und Talent am Sprung abgefragt. Leicht ist der Test allerdings nicht. Er beginnt mit einer 2500m langen Galoppstrecke mit 12 festen Hindernissen, für die Vierjährigen mit Wassereinsprung, dann folgt eine 500m lange Trabstrecke mit kurzem Zulegen, eine 200m lange Schrittstrecke, nach der wiederum ein Springparcours mit 5 bunten Hindernissen inklusive Kombination zu absolvieren ist. Weiter geht es auf eine 500m lange Renngaloppstrecke mit abschließendem ausgiebigen Veterinärcheck.
Ein Pferd, das auf der Geländestrecke zu heiß wird, hat Schwierigkeiten, einen taktreinen, durchschwingenden Trab zu zeigen, beim Tritte verlängern scheitern Pferde mit zu wenig Dynamik und Antritt. Einen gelassenen, raumgreifenden Schritt zeigen nach 2.5 km Galoppstrecke nur diejenigen, die loslassen können. Pferde mit zu aufwändiger Springmanier sind nach der langen, kräftezehrenden Anfangsgaloppstrecke oft schon erschöpft. Nur ein Pferd, das von Natur aus vorsichtig und sorgfältig springt, Intelligenz und Geist mitbringt, hebt auch über den bunten Stangen die Beine noch ordentlich an und springt über den Rücken. Bei der abschließenden Renngaloppstrecke kommt es auf das Galoppiervermögen und die Kondition an, Grundbedingungen für gute Buschpferde. Der VetCheck dokumentiert nicht nur die körperliche Verfassung, sondern sagt viel über die innere Einstellung des Pferdes – nur wer schnell wieder „runter“ kommt, ist als Buschpferd geeignet. Ein Fremdreitertest mit 2 Testreiterinnen am nächsten Tag über feste und fallende Hindernisse beendet die Prüfung.
Erfahrungswerte
„Wie trainieren Sie ihr Pferd bis zum Start beim Nurmi-Test?“ Diese Frage kennt Dr. Marliese Dobberthien vom Altmarkhof inzwischen gut. In drei Teilnahmejahren stellte sie drei Mal den Sieger aus eigener Zucht. Die Antwort ist verblüffend einfach: „Eigentlich nicht viel. Für das Projekt Nurmi wurde keiner meiner Hengste gezielt vorbereitet. Wichtig sind eine gute robuste und artgerechte Aufzucht, die Pferde müssen Qualität, Ausgeglichenheit, Rittigkeit und Geist mitbringen. Unverzichtbar sind eine solide Grundausbildung und vor allem Vertrauen.“ Mit dem Halbtrakehner Florin Gold v. Burbon a.d. Fleur/Trak. begann die Siegesserie 2003 beim ersten Nurmi-Test. „Etwas überraschend kam der Erfolg schon“, Dr. Dobberthien wollte ihren „Kleinen“ bei Nurmi eigentlich nur „mitlaufen“ lassen, weil sie das Konzept der Prüfung gut fand und sowieso viel Abwechslung für die jungen Pferde befürwortet. „So eine Remonteprüfung ist viel schöner als ein normales Turnier und fordert gleich mehrere Fähigkeiten vom jungen Tier“, ist sie überzeugt. Es sei besser erkennbar, was in dem Pferd stecke. Und genau das zeigte dann der Goldfalbe Florin. Dreijährig angeritten durfte er im Sommer Weidegang genießen. Vierjährig kam er zum Springreiter Stephan Lerche, Gieseritz, wo er nicht nur eine gute Grundkondition erwarb, sondern bereits Schleifen in Springpferdeprüfungen bis Kl. L holte.
Geländehindernisse lernte er erstmals einen Tag vor Prüfungsbeginn bei einer freigegebenen Jagdstrecke in der Nachbarschaft kennen. Stephan Lerche ist reiner Springreiter und hält von festen Hindernissen gar nichts, so bedurfte es einiger Überredungskunst, ihn zur Teilnahme am Nurmi-Test zu überreden. Nach Florins Sieg kam Dr. Marliese Dobberthien ins Grübeln, ob ihr „Kleiner“ nicht doch besser Buschpferd werden sollte. Seine etwas flachere und damit ökonomischere Bascule ist eher im Busch gefragt, weniger im Springparcours. Und Florin hatte Mut, war gleichzeitig vorsichtig genug und zeigte Geist, Übersicht und „Biss“. Immerhin ist er ein Enkel Tümmlers, der unter Martin Plewa erster Bundeschampionatssieger der Vielseitigkeitspferde war. Nach dem Valluhner Erfolg kam der Hengst zur jungen Sächsischen Meisterin der Vielseitigkeit, Juliane Adner, die ihn schleifenreich zum Buschpferd ausbildete. Florin schaffte die Bundeschampionatsqualifikation und wurde platzierter Finalist in Warendorf 2004. Er qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde, holte Gold mit Anna Topf bei den bayerischen jungen Reitern, ging dann als drittteuerstes Pferd über die Top-Eventer Auktion in Luhmühlen nach Schweden, wo er unter einem Junior Seriensieger in Sterneprüfungen wurde. In Anerkennung seines großen Leistungsvermögens wurde der goldfarbene Florin gekört.
Bei BRIONI v. Friedensfürst a.d. Bagheerah ox, gekörter Trakehner Hengst, der 2005 vierjährig den Test des Projekt Nurmi souverän gewann, verlief der Ausbildungsweg ähnlich. Der hoch im Blut stehende Brioni wurde dreijährig angeritten und absolvierte gleich im Frühjahr seinen 30-Tage-Test. Danach erhielt auch er eine ausgiebige Ruhepause, um weiter reifen zu können. Erst vierjährig ging es weiter. Im Spätsommer absolvierte er die HLP, von wo er, noch voll im Training, direkt nach Valluhn zum Nurmi-Test reiste. Juliane Adner, die schon Florin zum Erfolg geführt hatte, probierte Brioni am Abend vor der Prüfung erstmalig aus. Grundvertrauen, Rittigkeit und Geist – auch Brioni wurde Sieger. Auch er löste nach einer in allen drei Teildisziplinen außerordentlich erfolgreichen Turniersaison das Ticket zum Bundeschampionat der Vielseitigkeitspferde. Eine ärgerliche Verletzung ein paar Tage vor Warendorf verhinderte seinen Start.
Der Dritte im Bunde der siegreichen Pferde vom Altmarkhof war der Trakehner Halbbluthengst GRISANDER v. Wilawander xx a.d. Griseldis. Er genoss dreijährig ein ruhiges Jahr unter Tochter Philine Dobberthien mit vielen Ausritten über Stock und Stein, in Wald und Flur, gekrönt von einer Hubertusjagd im Herbst. Vierjährig erhielt auch Grisander eine solide Springausbildung bei Stephan Lerche, belohnt mit vielen Platzierungen. Unter Juliane Adner, die – wie schon Brioni - auch Grisander am Abend vor der Prüfung das erste Mal ritt, gewann das Paar 2006 souverän die Prüfung mit dem bis dato besten Ergebnis aller Prüflinge. Philine reizte Grisanders Talent im Busch, so fasste sie sich ein Herz und nannte die erste Prüfung. Nahezu unerfahren starteten beide im Juni 2007 das erste Mal in einer Geländepferdeprüfung – Wertnote 8.5, Freudentränen bei der Reiterin und eine goldene Schleife an Grisanders Kopf. Die beiden machten das Unmögliche wahr, jede Geländepferdeprüfung ging in die Platzierung, die Wertnote der ersten Prüfung blieb kein Zufallstreffer und so qualifizierten sich auch diese beiden für das Bundeschampionat der Vielseitigkeitspferde.
Der Erfolg der drei Nurmi-Pferde vom Altmarkhof basiert auf einer soliden Grundausbildung, Rittigkeit, Durchlässigkeit, Grundvertrauen und Geduld. Es war nichts Spektakuläres oder Hexerei im Spiel. Nicht einmal ein spezielles Konditionstraining. Keine zusammengezogenen Pferde, keine Überforderung, dafür Ruhepausen und artgerechte Haltung haben die körperliche und mentale Reifung gefördert. Die Pferde müssen gelernt haben, gut zuzuhören, auch wenn es junge Hengste sind, die eigentlich anderes wünschen. „Gas“ und „Bremse“ müssen funktionieren, wie Stephan Lerche zu sagen pflegt. Eine Aufzucht, die Fohlen bereits in allerjüngsten Jahren bei jedem Wind und Wetter auch mit schwierigsten Bodenverhältnissen vertraut macht, bringt trittsichere und ausbalancierte Pferde hervor. Täglicher Umgang nimmt ihnen die Scheu, fördert die Disziplin und schafft Grundvertrauen. „Das alles funktioniert nicht, wenn man das Pferd dreijährig das erste Mal anfasst. Die viele Handarbeit ist mühsam und zeitaufwändig – aber der Umgang mit einem Pferd, das mitmacht, klar im Kopf ist und auf das man sich verlassen kann, zahlt sich später im Sport und bei den täglichen Kleinigkeiten mehrfach wieder aus“, sagt die Züchterin. Der Erfolg gibt ihr Recht. Und sie ergänzt: „Konditionstraining und die systematische Buschpferdeausbildung haben bei meinen drei erfolgreichen Hengsten erst nach Valluhn begonnen“. Da waren alle ihre Hengste älter als 41/2 Jahre.



