Freitag, 18. Mai 2012
 


Man fragt sich als langjähriger Besucher des Trakehner Hengstmarktes erstaunt „Wie schaffen die das nur” - die Zuschauer immer wieder derart zu überaschen und auch zu faszinieren. Als Besucher der abendlichen Gala bekommt man dabei allenfalls eine Ahnung, welchen Kraftakt die Organisation des Galaabends alljährlich allen Beteiligten in Planung und Durchführung abverlangt.

2008 ist dem Organisationsteam Erdmuthe Frese, Julia Martin, Detlef Thun und Lars Gehrmann ein gigantischer Schauabend gelungen, wie man ihn so wohl nur bei den Trakehnern erleben kann! Eine perfekte Komposition aus Leistungssport und Ponyspass, Zucht und Poesie, gewürzt mit einer Extraration Athletik, ließen die Stunden wie im Fluge verstreichen.

Besondere Schmankerl und unverzichtbares Bindeglied zur Basis des Reitsports sind die aufwendig und liebevoll inszenierten Vereinsschaubilder. So sorgten die Mütter reitender Töchter des Reitvereins Concordia Dingerdonn, Marne, für große Ausschläge auf dem Stimmungsbarometer. Mit ihrer perfekt choreografierten Steckenpferdquadrille bewiesen sie größte Kondition und traversierten teilweise geschmeidiger als manch altgedientes Dressurpferd.

Nicht weniger begeistert aufgenommen wurde das liebevoll und aufwendig umgesetzte Ponyschaubild “Der Wolf, die Geißlein und die vielen Zwerge” vom Reiterverein Gläserkoppel, Preetz, erdacht und unter der Regie von Ernst Först. Sogar ein riesiger Wolf, der die Ponys samt ihren reitenden “Geißlein” verschlang, wurde aufgeboten.

Natürlich ist der Trakehner Galaabend in erster Linie auch ein Spiegelbild der Zucht und des Sports. Hier setzten die erfolgreichen Trakehner Springpferde gleich zu Beginn des Abends beachtenswerte Akzente. Nicht nur die bereits international erfolgreichen Springspezialisten Bel Espace Go, Altenbach TSF und Lichtblick imponierten. Besonders der Axis-Sohn Hirtentanz begeisterte durch seine erkennbare Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, seine Galoppade und die unerschütterliche Ruhe und Übersicht seines Auftrittes.

Gänsehaut ...
Die immer wieder geforderte, so wichtige Verbindung zwischen Zucht und Sport konnte wohl kaum ein Pferd an diesem Abend derart perfekt symbolisieren wie der frisch gekürte Hengst des Jahres Gribaldi. Sein Auftritt zu Kürmusik mit Gänsehautfeeling wie auch der fantastische Auftritt seiner beiden Söhne, der Vollbrüder Hofrat und Hoftänzer waren einfach gigantisch.
Das züchterisch zentrale Thema des Abends war einem anderen ganz Großen der Trakehner Zucht gewidmet, der nicht einmal anwesend sein konnte und doch den Abend durch seine Nachkommen prägen sollte. Anlässlich des durch den Trakehner Förderverein neu gestifteten Dietrich-von-Lenski-Kattenau-Gedächtnispreises, ein Gemälde von Klaus Philipp, wurde der darauf portraitierte Hengst gewürdigt - Habicht.

In einem wundervollen Bogen vom Gestern ins Heute wurde mit Vivus einer der letzten direkten Habicht-Söhne, 21-jährig in bester Kondition und absoluter Frische präsentiert. Mit den Gekörten Couracius, Connery und Axis legten dann Enkel bzw. Urenkel des Habicht Zeugnis für die Leistungsstärke über Generationen hinweg ab, wie sie in Habichts Linie verankert ist. Besonders der Auftritt des lackschwarzen Beaus Axis unter seiner Ausbilderin Terhi Stegars begeisterte und ließ die Überlegung aufkommen, ob Axis wohl von exzellent abgeleitet sei. Wie wundervoll, dass sich die charmante Reiterin aus Finnland entschlossen hatte, ihr Goldenes Reitabzeichen der FN für ihre in Deutschland errittenen S-Erfolge aus der Hand der Präsidentin des Trakehner Verbandes, Frau Petra Wilm, in Neumünster zu empfangen.

Auch der umjubelte Auftritt Imperios, Trakehner des Jahres und aktueller Bundeschampion, fügte sich nahtlos in die Habicht- Thematik ein, ist der ultramoderne Hengst doch ein Ur-Urenkel des Hörsteiner Linienbegründers und reicht erfolgreich die Fackel weiter in die nächste Generation. Sein Auftritt unter der championatserfolgreichen Anna-Sophie Fiebelkorn war gleichermaßen hinreißend wie begeisternd und das Publikum dankte mit frenetischem Beifall und Standing Ovations.

... und leise Töne
Übrigens ließen sich die Zuschauer mehrfach an diesem Abend zu Standing Ovations hinreißen. Anlässlich des Auftrittes erfolgreicher Vielseitigkeitspferde und ihrer Reiter sorgte die Anwesenheit der Goldmannschaft der Olympischen Vielseitigkeit für tobende Ränge und dem bestens aufgelegten Moderator des Abends, Jan Tönjes, gelang es, das gesamte Haus zu einer La Ola-Welle zu motivieren, die mehrfach durch das Rund der altehrwürdigen Holstenhalle wanderte. Dazu jedoch an anderer Stelle noch ausführlicheres.

Bei so vielen Sensationen dürfen auch die leisen und poetischen Töne nicht zu kurz kommen und die waren dabei nicht weniger sensationell. So präsentierte sich der gekörte Tabaluga vom Gestüt Isselhook als absolutes Charakterpferd in stockdunkler Halle im Einspänner. Der durch Knicklichter an Kutsche und Gespann mit effektvoller Dekoration versehene Hengst bewies sein außergewöhnliches Interieur, war er doch angewiesen auf die lenkenden Zurufe seines Fahrers Frank Soppe. Einen ebenso beachtlichen Charaktertest präsentierte der bewährte Beschäler Tanzmeister I. In einer mystischen und poesievollen Mischung aus Tanztheater und Reiterei bewies er mit seinem Auftritt auch eindrucksvoll, welch heilsame Wirkung liebevolle Pflege und Umgang auch auf einen altgedienten Deckhengst haben können. Als sich während der Schaunummer plötzlich ein riesiger, blauer Stofftunnel über dem Hengst erhob und dieser vollkommen ungerührt die Ruhe bewahrte, mochte man als Zuschauer zunächst kaum glauben, das dies zur Aufführung gehörte. Jeder Reiter, der im Gelände schon einmal auf eine flatternde Plastiktüte getroffen ist, wird verstehen, was gemeint ist.

Danish Dynamite
Für kurzweilige Unterbrechungen sorgten zweifach im Verlauf des Abends die Auftritte der Akrobatikgruppe KIF-Talentholdet aus Kolding, Dänemark. In begeisternder Ungezwungenheit rissen sie das Publikum mit ganz unglaublichen Sprung- und Bodenturnereien zu Beifallsstürmen hin. Rasante FlicFlacs in unglaublicher Geschwindigkeit, dabei ganz ohne die Verbissenheit des Leistungssports präsentierten die Jugendlichen im Alter von 8-21 Jahren, wobei ein kleiner Blondschopf die Zuschauerherzen besonders im Sturm zu erobern vermochte.

Als besonderer Schlussakkord und letzter Höhepunkt dieses besonderen Abends präsentierte Anja Plönzke mit ihrem monumentalen Tannenhof’s Solero TSF das derzeit erfolgreichste Trakehner Dressurpferd der Gegenwart, wie Moderator Jan Tönjes es auf den Punkt brachte. Der mittlerweile 15-jährige Vererber vom Gestüt Tannenhof ist in der Saison 2008 in ununterbrochener Reihenfolge seit 2003 das erfolgreichste Trakehner Dressurpferd. Für diesen Erfolg durfte Soleros Züchterin, Frau Roswitha Schwecht vom Rittergut Burg Sievernich, wenige Stunden nach dem Galaabend am sonntäglichen Morgen ihre sechste Fritz-Schilke-Gedächtnismedaille in Folge in Empfang nehmen. Eine Leistungsdokumentation, die wohl einmalig sein dürfte.

Nach all diesen sensationellen Schaubildern war der traditionelle Abschluss eines jeden Trakehner Galaabends so etwas wie Balsam für die Sinne. Eckhard Schmidt, Solotrompeter des philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, intonierte so zart wie eindrucksvoll das Ostpreußenlied als lebendige Erinnerung an die Wurzeln unserer geliebten Trakehner Pferde.                                    Stephan Bischoff

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