Freitag, 18. Mai 2012
 


Drei Tage strenger Selektion liessen am Ende ein ausgeglichen starkes, fünfköpfiges Prämienlot sowie elf gekörte Hengste aus den 56 Kandidaten des Jahrgangs 2006 glänzen. Dem Siegerhengst von 2004, Le Rouge, gelang es, in seinem ersten Fohlenjahrgang mit dem dunkelbraunen ISKANDER den Siegerhengst sowie zwei weitere gekörte Söhne zu stellen.


Die Pflastermusterung am Donnerstag war bei gleißendem Sonnenschein noch stärker besucht als sonst. Verbandspräsidentin Petra Wilm führt das große Interesse auf die verstärkte Präsenz der Trakehner im Sport zurück. Eine erfreuliche Überraschung brachte das Freispringen am Freitagvormittag. Unter Leitung von Harm Sievers und seinem Holsteiner Team konnten die jungen Hengste sich bestens entfalten, viele lernten ganz offensichtlich im Laufe dieser Lehrstunde dazu. „Selten habe ich eine so gleichmäßig und gut springende Kollektion gesehen“, urteilte auch Auktionator Uwe Heckmann. Eine ganze Reihe Hengste verließ die Bahn mit verdient hohen Noten, darunter die später gekörten Hengste DELIKAT, DONAUSTOLZ, IMAGO, LOMBARDI und PRINCE PATMOS. Jeder Hengst erhielt ausreichend Zeit, die Ruhe im Ablauf tat Hengsten und Wertnoten gut. Neu war auch das Pult der Körkommission mitten in der Halle, ergänzt um Moderator Jan Tönjes, der das Publikum mit den Informationen in deutscher und englischer Sprache auf dem Laufenden hielt. Dieser Service für die Zuschauer machte die Arbeit der Körkommission in diesem Teil transparenter und kam gut an. Bester Springhengst wurde der Zauberklang-Sohn LOMBARDI aus der Zucht und im Besitz von Georg Hoogen, Kevelaer, der aus einem seit sieben Generationen vom Ehrenvorsitzenden Gottfried Hoogen auf dem Vogelsangshof gepflegten Erfolgsstamm kommt.

Ab Mittag ging es auf dem Dreieck weiter, am Samstagmorgen dann mit dem Freilaufen. Hier vermochten einige Hengste durch ihre gute Galoppade zu punkten. Die heute unmodernen, flachen Bewegungsabläufe im Trab und Galopp sind weitgehend verschwunden. Die erwünschte Knieaktion im Trab hat sich durchgesetzt und auch der Weg zur bergauf gesprungenen, raumgreifenden Galoppade zeigt klaren Fortschritt. Hier punkteten der gekörte Halbblüter CRISTOBAL v. E.H. Buddenbrock sowie der ebenfalls gekörte Le Rouge-Sohn LICHTENFELS mit der besten Galoppade. Und ein weiteres Mal zeigten sich die Zweieinhalbjährigen im Hochglanz vor vollen Rängen: Die Körung von 16 Hengsten, fünf von ihnen prämiert, erfolgte traditionell am Samstagnachmittag, bevor Galapublikum und -teilnehmer in Scharen durch die Stallungen pilgerten … Am Sonntagvormittag lauschte das Fachpublikum zunächst den Besprechungen der elf frisch gekörten Hengste. Den Züchtern von Cristobal, J. und K. Rönnebech aus Skibby in Dänemark, stand zudem die Auszeichnung mit dem Eberhard-von-Velsen-Zerweck-Gedächtnispreis für den gekörten Hengst mit dem höchsten Blutanteil zu, bevor die fünf Prämienhengste einmal mehr die Halle betraten. Die Spannung, wer in diesem Jahr die schwarz-rot-goldene Schärpe tragen würde stieg, den Ehrungen folgten Ehrenrunden … Nach diesem vollen Programm für die Zweieinhalbjährigen wunderte es wohl niemanden, dass die Hengste am Sonntag bei der Auktion etwas müde wirkten.

Den Vollblutanteil konstatierte Körkommissar Steffen Bothendorf in diesem Jahrgang bei etwa 10 Prozent, was von der Zuchtleitung als gute Blutrepräsentanz eingestuft wird. Fünf Halbblüter, sieben Viertelblüter waren angetreten und 17 Köraspiranten führten darüber hinaus, zum Teil doppelt, arabisches, angloarabisches oder englisches Vollblut in der dritten Generation der Urgroßeltern.

Der Sieger
Als ein Primus inter Pares ebnete sich der diesjährige Titelträger den Weg zur Schärpe. „Iskander ist ein ungemein ausdrucksstarker Hengst mit viel Aufsatz und Ausstrahlung, der all seine Auftritte ohne Fehl und Tadel mit hervorragender Hinterbeinaktion meisterte“, schwärmte Zuchtleiter Lars Gehrmann vom frischgekürten Siegerhengst. Mütterlicherseits aus der Familie der Treckstute Ilonka von Familie Bongardt, Groß Buchwald, brachte der bei Hans Derlin im holsteinischen Berkenthin gepflegte Zweig dieser elitären Familie bereits so erstklassige Dressurpferde wie Insterburg TSF und Idol. „Das gibt es nur einmal im Leben“, stellte der Züchter, der seit 35 Jahren züchtet und seine erste Stute in den siebziger Jahren geschenkt bekommen hatte, überwältigt von diesem Erfolg fest. Dass das Spitzen-Auktionsfohlen des Jahres 2006 einmal als Siegerhengst das Holstenhallen-Oval betreten würde, darauf hatte der erfahrene Züchter nie zu hoffen gewagt. Hans Derlin kam in den Genuss einer besonderen Auszeichnung: Der Trakehner Förderverein verlieh erstmals den neuen Wanderehrenpreis für den Züchter des Siegerhengstes der zentralen Hengstkörung, den „Dietrich von Lenski-Kattenau-Gedächtnispreis“. Es handelt sich um das Gemälde des Hauptbeschälers und Trakehner Linienbegründers HABICHT von Burnus AAH, dargestellt von dem bekannten Pferdemaler Klaus Philipp. Dieser Wanderehrenpreis löst den seit 1983 vom Trakehner Förderverein vergebenen „Peter-Graf-von- Bernstorff-Gedächtnispreis“, ein Gemälde des Hauptbeschälers Pythagoras, das ebenfalls von Klaus Philipp geschaffen wurde, ab.

Bei den Besitzerinnen des Siegers, Dr. Maren Engelhardt und Kerstin Aronis, gemeinsam das „Fontana-Syndikat“, gab es es angesichts des schmucken Dunkelbraunen im vollem Ornat Freudentränen und Küsschen. „Wir hatten uns vor zwei Jahren in das Katalogfoto verliebt“, erzählte Dr. Engelhardt, die in Kalifornien lebt und arbeitet und unter anderem die US-Internetseite „Trakehners International“ betreut. „Der Fohlenkauf war schon etwas leichtsinnig“, gestanden die beiden rückblickend, „wir haben einfach furchtbar viel Glück gehabt!“ Iskander hat sich zum „Hingucker“ entwickelt, voller Typ und Ausstrahlung. „Alle seine Auftritte waren spitze“, kommentierte der Zuchtleiter den Hengst, der gleichermaßen durch seine Lockerheit wie auch durch energisches Abfußen für sich einzunehmen wusste. „Iskander hat alle Voraussetzungen für eine Karriere in Sport und Zucht“, gab Lars Gehrmann das Urteil der Körkommission wieder. Das passt gut, denn seine Zukunft könnte durchaus im Zeichen einer solchen Doppellaufbahn stehen. Dr. Astrid von Velsen ersteigerte den Sieger gemeinsam mit Helmut Freiherr von Fircks für das Haupt- und Landgestüt Marbach und das Gestüt Nymphenburg, den Dressurstall, den Helmuth Freiherr von Fircks für seine im Dressursattel erfolgreiche Tochter aufbaut. Nomen es Omen: Der Name Iskander ist die arabisch-türkisch-persische Form des Namens Alexander und bezieht sich meist auf Alexander den Großen.

Der Siegerhengst 2004, Le Rouge gab ein beeindruckendes Debüt: Von 32 Trakehner Fohlen seines ersten Jahrgangs kamen sechs zur Körung. Sein erster Fohlenjahrgang hatte sich vor zwei Jahren durch sehr edle, aber nicht unbedingt großlinige Kinder ausgezeichnet – jetzt im Alter von zweieinhalb Jahren haben seine Söhne die Bewegungsqualitäten des Vaters erreicht.

Der Reservesieger
Er hatte wohl den kürzesten Weg zum Körplatz: Das Gestüt Tasdorf stellte den von Anja und Frank Lüninghöner, Enger, gezogenen PRINCE PATMOS aus. Schon das Pedigree ließ allerbestes Interieur erwarten – sein Vater Patmos wirkt inzwischen in den USA als Hunter,  auf mütterlicher Seite garantieren Kostolany und dann Argument Nervenstärke und Leistungsbereitschaft geradezu. Und der bunte Braune mit der auffallenden Blesse erfüllte diese wie auch alle anderen Erwartungen. Souverän auf dem Pflaster, einer der besten am Sprung, bei allen Aufgaben stets im Takt, bezauberte er Körkommission und Zuschauer mit beispielhafter Losgelassenheit. „Ein Hengst, dem hier in Neumünster sofort alle Herzen zuflogen. Prince Patmos verbindet Intelligenz mit Souveränität. Er ist pfiffig, er ist schlau“, lobte der Zuchtleiter den  Bewegungskünstler. Petra Wilm hatte den Braunen auf der Trakehner Fohlenauktion des Bundesturniers für ihren Sohn Philip erworben, der nun mit 11 Jahren die Höhen und Tiefen eines Hengstausstellers erleben durfte: die Freude über die hervorragende Beurteilung war groß, der Abschiedsschmerz angesichts der Versteigerung jedoch auch nicht von Pappe. Großer Trost: der teuerste Hengst der Veranstaltung wurde für 110.000 Euro von Steffen Hillebrand und Nils Bezold, Gestüt Drei Kronen in Kiel, ersteigert und bleibt vorerst zur Vorbereitung auf den 30-Tage-Test im Gestüt Tasdorf. „Prince Patmos ist in seinem ganzen Habitus wirklich etwas Besonderes“ urteilte Petra Wilm.

Die Prämienhengste
Ihn hatte man vom ersten Tag an im Blick, war doch sein Vollbruder Donauklang im Vorjahr im Lot der Gekörten. Mit DONAUSTOLZ schickte Züchter Johann Albert Timmermann aus Schenefeld einen weiteren Distelzar-Sohn aus seiner bewährten St.Pr.u.Pr.St. Donaubirke v. Herzzauber-Mahon ins Rennen. Typvoll und ausgeglichen, fiel der Rappe bereits auf dem Pflaster auf und wurde hohen Erwartungen an allen Tagen gerecht, zeigte sich stets im Gleichgewicht mit aktivem Hinterbein. „Alle Gaben für eine Zukunft als Zucht wie als Reitpferd“, attestierte Zuchtleiter Lars Gehrmann dem von Hauke Jäger hervorragend vorbereiteten und vorgestellten Hengst.

Der Trakehner Hengst des Jahres, Gribaldi, darf sich einen weiteren prämierten Sohn in die Erfolgslisten eintragen lassen: SYRIANO, in Dänemark aus einer Schwadroneur-Tochter von Lena Erichsen, Fredensborg, gezogen, steht mit stattlichen 1,70 Stockmaß noch voll in der Entwicklung, zeigte sich in der Bewegung leichtfüßig und geschmeidig und bestach zudem mit attraktiver Oberlinie. Hubertus Poll hatte diesen Hengst wie auch den gekörten Cristobal in Dänemark entdeckt und erworben. Karl-Heinz Schulenburg erwarb den braunen Dressuraspiranten und wird ihn, wie schon im Vorjahr den Reservesieger Editorial, in Neustadt/Dosse aufstellen.

Ein heimlicher Favorit der diesjährigen Körtage kam aus dem Gestüt Ganschow: DELIKAT v. Herzfunke. In bestechender Rappfarbe, schön aufgemacht und ein echter Charmeur, avancierte dieser typvolle Edelmann mit stets bergauf getragenen Bewegungen und auffallend gutem Springen zum ersten Prämienhengst seiner Zuchtstätte. Der nach Auffassung des Zuchtleiters völlig unberechtigt durch die Hengstleistungsprüfung gefallene Herzfunke gab mit zwei Söhnen einen beachtlichen und sehr positiven züchterischen Einstand. Das Gestüt Sprehe sicherte sich den Publikumsliebling für 100.000 Euro.

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