Freitag, 18. Mai 2012
 


Das Zuchtprinzip der Reinzucht gehört zu den besonders charakteristischen Merkmalen der Trakehner Reitpferdepopulation. Und dieses Merkmal teilen die Trakehner in dieser Konsequenz mit keiner anderen Reitpferdezucht.

Die Reinzucht hat eine sicher über 100-jährige Tradition. Wenn man auch sagen muss, dass zum Beispiel so manche Halbbluthengste, die im 19. Jahrhundert vorwiegend aus England nach Trakehnen importiert wurden, heute nicht mehr den Anforderungen der Reinzucht entsprechen würden. Denn diese Hengste wiesen in ihren Pedigrees durchaus zum Teil größere Lücken auf. Das gilt sogar noch für in Ostpreußen geborene Pferde: Der bekannteste Vertreter mit einer etwas lückenhaften Abstammung ist zweifellos der Hauptbeschäler Dampfross, der Vater von Pythagoras.

Der letzte Sündenfall in der Geschichte der Trakehner Reinzucht geschah in Trakehnen, wo von 1921 bis 1923 der französische Anglo-Normanne Floral zum Einsatz kam. Die ostpreußischen Pferdezüchter lehnten die Anerkennung dieser Kreuzungsprodukte aus Trakehnen ab. Floral wurde daraufhin nach Westfalen verkauft und blieb ohne nachhaltige züchterische Wirkung in Trakehnen und Ostpreußen. Schon damals war die Reinzucht also eine Frage der züchterischen Kultur.

Der Paragraf 27 der Satzung des Trakehner Verbandes behandelt die Zuchtmethode: „Das Zuchtziel wird mit der Methode der Reinzucht angestrebt. Das schließt jedoch die Hereinnahme von Genen englischen und arabisches Vollblutes sowie von Shagya- und Anglo-Arabern mit ein. Art und Umfang der Einbeziehung von Hengsten anderer Populationen, die zur Erreichung der im Zuchtprogramm festgelegten Ziele förderlich sind, müssen im Einzelfall durch Beschluss des Gesamtvorstandes bestimmt werden. Der Beschluss muss einstimmig erfolgen.“ Der Gesamtvorstand hat 15 Mitglieder. Theoretisch kann dieses Gremium bei Einstimmigkeit also auch den Zuchteinsatz eines Hannoveraner Hengstes befürworten.

Die Definition
Glücklicherweise konnten 1996 nach der Konferenz von Stuttgart die Regeln für die Reinzucht einheitlich definiert werden. Dabei lautet die zentrale Anforderung an ein rein gezüchtetes Trakehner Pferd: „Der erste fremde Ahne darf frühestens in der 6. Generation auftreten.“

Diese Definition sollte zukünftig präzisiert werden, denn es stellt sich die Frage, ob die Trakehner Züchter als fremden Ahnen auch einen Kaltblüter oder ein Pony im Pedigree haben wollen. Denn theoretisch könnte sich nach dieser Definition auch aus einer Kaltblutstute oder einer Ponystute eine eigene Trakehner Mutterfamilie gründen.

Seit 1996 sind jedes Jahr etwa ein bis zwei Pferde – vorwiegend Stuten – über den Beschluss des Gesamtvorstandes in das Trakehner Zuchtprogramm aufgenommen worden. Auch die Abstammung von Biotop bedurfte einer Genehmigung durch den Gesamtvorstand. Denn die in der 6. Generation auftretende Stute Domra ist eine 1933 geborene brandenburger Stute aus dem Friedrich-Wilhelm-Gestüt in Neustadt/Dosse gewesen.

Auf der anderen Seite kann der Gesamtvorstand des Trakehner Verbandes in seiner Eigenschaft als Zuchtausschuss aber auch Ausnahmen beschließen: Beispiel Waitaki. Er gilt als ukrainisches Sportpferd Trakehner Abstammung. Sein „wunder Punkt“ in der Abstammung lag sogar in der 4. Generation und musste vom Gesamtvorstand abgesegnet werden.

Wie sehr das Prinzip der Reinzucht die Gemüter erhitzt, konnte vor einigen Jahren beobachtet werden, als die Hereinnahme fremder Gene anderer Reitpferderassen in die Trakehner Population öffentlich diskutiert wurde. Es wurde deutlich, dass dieses Thema für die große Mehrheit der Trakehner Züchter nicht einfach ein normaler Tagesordnungspunkt war, sondern fast eine Glaubensfrage. Damit hat dieser Punkt schon den Charakter einer Religion.

Trakehner in den Warmblutzuchten
Eine seit dem Krieg erfolgreiche Methode zur Verbesserung des Zuchtfortschritt in anderen Reitpferdezuchten ist der Einsatz von Trakehner Blut. Dies geschah vorwiegend über die Hengstseite. Und hier sind vier aktuelle Beispiele:
- Matinee war das meist umjubelte Pferd auf den Weltreiterspielen 2006 in Aachen. Die Tochter des Trakehner Hengstes Silvermoon aus einer dänischen Warmblutstute gewann unter Andreas Helgstrand die Bronzemedaille in der Einzelwertung.
- Hotline ist der bis heute noch teuerste jemals auf einer Körung verkaufte Junghengst. Der Hofrat-Sohn war Siegerhengst bei den Hannoveranern in Verden und kostete 2005 einen Zuschlagspreis von 800.000 Euro.
- Painted Black ist eines der erfolgreichsten aktuellen Dressurpferde im Stall der Doppel-Olympiasiegerin Anky van Grunsven. Er ist ein Sohn des Gribaldi aus einer holländischen Mutter.
- Herzruf’s Erbe ist das neue Spitzenpferd der Olympiasiegerin Ulla Salzgeber. Er ist ein Sohn des Herzruf aus einer rheinischen Warmblutstute und gilt als Zukunftshoffnung für internationale Championate.

Für die Trakehner ist der Erfolg dieser Pferde ein Zeichen der hohen züchterischen Wertigkeit ihrer Vatertiere. Das gilt im Prinzip auch für besonders herausragende Pferde, die von Warmblutvätern aus Trakehner Müttern abstammen. Diese Zuchtmethode ist in den vergangenen Jahren populär geworden und führte auf mehreren Auktionen in Verden, Vechta und Medingen zu Spitzenpreisen. Für die Trakehner Zuchtpolitik aber ist diese Entwicklung von Nachteil. Denn während die Hengste sich mehrfach multiplizieren können, bringen die Stuten nur 1 Fohlen pro Zuchtjahr und wenn sie von einem andersrassigen Hengst gedeckt werden, gehen sie der Trakehner Zucht verloren.

Die Reinzucht ist auch so etwas wie ein kulturelles Handwerk in der Entwicklung des Trakehner Pferdes als Sportpferd. Kurzfristig bringt die Reinzucht auf den Absatzmärkten der Zuchtprogramme vielleicht weniger Wettbewerbsvorteile und erfordert einen längeren wirtschaftlichen Atem von den Züchtern. Aber langfristig sind alle beteiligten Sportpferdezuchten froh, Pferde auf der Basis dieser Zuchtmethode nutzen zu können.

Deshalb ist es wichtig, dass der Zuchtfortschritt der Trakehner mit dem Tempo der Kreuzungszuchten, wie zum Beispiel Hannover, Oldenburg oder Westfalen, mithält. Bisher ist dies gelungen. Und umso wichtiger ist es, dass die Trakehner Züchter die Trakehner  Genetik vermehrt weltweit betrachten.        

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