Freitag, 18. Mai 2012
 


Dieses Image hat der Reitsport nicht gesucht, hat der Grossteil der Pferdefreunde hierzulande nicht zu verantworten. Ein Dopingfall nach dem anderen verschafft dem Sport seit Monaten jede Menge Presse in grossen Medien – Presse wie sie schlechter für alle Branchen rund ums Pferd nicht sein könnte. Wie begegnen der Trakehner Verband und andere Zuchtverbände im Vorfeld und im Verlauf der herbstlichen Körveranstaltungen dem Dopingrisiko?

 

Vergleichsweise offensiv, erklärte einer ,der in Norddeutschland gerade Symbolcharakter für Tierschutz hat und die Trakehner, Holsteiner und lange Jahre auch die Hannoveraner Körtage als Tierarzt begleitete und begleitet: Dr. Karl Blobel aus Ahrensburg. Der Trakehner Verband war vor über zehn Jahren Vorreiter in Sachen Dopingkontrollen rund um die Hengstkörung. Holstein zog nach, dann erst gesellte sich mit Hannover auch der größte deutsche Reitpferdezuchtverband und mittlerweile auch die meisten anderen Zuchtverbände dazu.

Klar festgelegt ist: Doping und unerlaubte Medikation sind auch bei Zuchtpferden verboten.  Die Zuchtverbandsordnung (ZVO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ist Bestandteil der Satzungen und Zuchtbuchordnungen der deutschen Pferdezuchtverbände und formuliert darin die Medikationsbestimmungen im Rahmen von Körveranstaltungen. Geregelt sind auch die Durchführungsbestimmungen für die Medikationskontrollen. Strafrechtlich würde ein Dopingfall in der Zucht den Tatbestand des Betrugs erfüllen und könnte damit empfindliche Strafen nach sich ziehen.

„Der Trakehner Verband“, so Dr. Karl Blobel, „ ist bis heute einer der Verbände, die sich um eine besonders umfassende Überwachung im Vorfeld und im Verlauf der Körtage bemühen.“ Dabei gilt es Jahr für Jahr, den Drahtseilakt zwischen Effizienz und Kosten zu meistern. So wurde der Umfang der Dopingkontrolle in den  vergangenen Jahren flexibel gehalten.

Dem Körjahrgang 2003 wurden komplett Haarproben entnommen, wobei Zuchtleiter Lars Gehrmann anmerkt, dass allein mit den Ergebnissen aus einer Haarkontrolle ein Dopingfall schwerlich nachzuweisen ist. „Die Methode birgt Fehlerquellen, die Grenzwerte sind fließend und der Hormonspiegel der jungen Hengste schwankt, das ist entwicklungsbedingt und völlig normal.“ Die jahrgangsdeckende Analyse der Haarproben brachte vier Verdachtsfälle, in denen dann nach zusätzlichen Analysen von Urinproben Entwarnung gegeben werden konnte.

Einen positiven Nachweis hinsichtlich der Zuführung verbotener Substanzen gab es vor einigen Jahren in Neumünster; dieser führte zum Ausschluss des Hengstes von der Veranstaltung. Weniger eindeutig und bis heute nicht abgeschlossen ist der Fall des Hengstes Iffland v. Tenor, der 2002 vom Gestüt Webelsgrund ausgestellt, gekört und über die Auktion verkauft wurde. Der Käufer reklamierte den Hengst wegen Doping und erhielt über Gutachten in zwei Instanzen recht. Die Aussteller kämpfen bis heute für ihren Standpunkt, dass dem Hengst keine verbotene Substanz zugeführt sei.

Im vergangenen Jahr wurden elf Köranwärter stichprobenartig überprüft: Drei Haarproben wurden bei der Vorauswahl entnommen, drei Hengste wurden unangemeldet im Vorbereitungsstall überprüft und vier Hengsten wurde auf der Veranstaltung in Neumünster Blut entnommen. Zwar gilt die Aussagekraft von Urinproben als optimal, ihre Entnahme  gestaltet sich jedoch nicht immer auf Wunsch praktikabel. Alle elf Hengste, darunter vier Gekörte, wurden in 2008 negativ getestet.

Das Jahr 2009 wird im Reitsport möglicherweise einen Wendepunkt markieren, denn zur Zeit ist nicht absehbar, welche Folgen die Dopingfälle im Spitzensport nicht nur für den Sport, sondern für alle Branchen rund ums Pferd haben werden. Der Trakehner Verband geht in diesem Jahr der erhöhten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einmal mehr in die Offensive und intensiviert seine Dopingkontrollen erheblich: Allen für die Körung angenommenen Hengsten werden Haarproben entnommen, etwa 20 von ihnen werden analysiert. Bundesweit werden fünf Tierärzte unangemeldet in fünf Vorbereitungsställe fahren und den Köranwärtern dort Blutproben entnehmen, die umgehend analysiert werden. In Neumünster wird es wie bisher auch die Dopingbox geben, in der im Stichprobenverfahren fünf Hengsten Urinproben entnommen werden. Das bedeutet, dass mit 30 Pferden in diesem Jahr wohl jeder zweite Hengst in die Dopingkontrolle geht.

Dopingproben im Rahmen der Hengstkörungen
Haarproben werden im Vorfeld der Körungen in Trainingskontrollen entnommen und vor allem auf Anabolika analysiert. Anabole Steroide sind so etwas wie berüchtigte Klassiker zur Steigerung der Leistung der körperlichen Entwicklung.  Die Entnahme der Haare aus Mähne oder Schweif erfolgt durch den Tierarzt oder durch Beauftragte der Kör-/Auswahlkommission des Zuchtverbandes in Gegenwart des Hengsthalters oder dessen Beauftragten. Die Verpackung und Versendung erfolgt in den normalen Doping-Kits der FEI, dabei ist darauf  zu achten, dass die Haare sortiert transportiert werden, sonst ist nach Aussage von Dr. Blobel die Datierung nicht möglich. Im Langhaar, das ca. 2 cm pro Monat wächst, lässt sich im Labor die Gabe von Anabolika und ähnlichen Substanzen vier, maximal sogar sechs Monate rückdatieren. Die Haarproben werden für Trakehner und Holsteiner  im Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa bei Leipzig  analysiert. „Anfangs war die Haaranalyse eine Alternative zum Urintest, der zum einen nicht immer leicht zu gewinnen ist, zum anderen nur kurzfristige  Ergebnisse  bringt“, erläutert Dr. Patricia Anielski, zuständig für Haaranalytik, das Verfahren. Die Haaranalytik kann für Zeiträume bis zu einem halben Jahr einzelne körperfremde Substanzen nachweisen, das heißt, körpereigene Steroide, deren Gehalt naturgemäß schwankt sind nicht festlegbar, körperfremde Verbindungen jedoch zuverlässig nachweisbar.

In den – seltenen – Verdachtsfällen wird eine Haaranalyse mit einer Urinprobe ergänzt. „ Wir können gezielt nach bestimmten bekannten Substanzen suchen“,  untermauert Dr. Anielski die Zuverlässigkeit der Haaranalyse, „wobei es im Doping natürlich ein Trick ist, mit immer neuen Substanzen zu arbeiten, auf die wir uns dann schnellstmöglich einstellen müssen.“ Die Haarprobe wird in Kreischa entweder für ein Vierteljahr oder für ein halbes Jahr analysiert: der einfache Teil des Verfahrens ist das Zerschneiden der Haare in ca. 6 cm lange Abschnitte. „Das Haar wächst ca. 2 cm im Monat so dass wir mit 6 cm jeweils drei zurückliegende Monate abdecken. Das Verfahren ist teuer, ein Vierteljahr kostet 295,– Euro, für ein halbes Jahr addieren sich noch einmal 113,– Euro dazu, und kann daher nur stichprobenartig angewandt werden.

Bei den Trakehnern werden Tierärzte vor Ort bei den bundesweiten Auswahlterminen beauftragt. „Aus tierärztlicher Sicht gelten die Haarproben als ziemlich aussagekräftig, da ein Missbrauch hier am längsten nachweisbar ist“, beurteilt Dr. Werner Jahn, Pferdeklinik Bargteheide und Tierarzt bei der Trakehner, wie auch der Holsteiner Körung, die Haaranalyse. „Substanzen, die von außen zugeführt wurden, lassen sich zuverlässig ermitteln.“

Blut- und Urinproben werden an den Trakehner Körtagen als Stichproben entnommen, aber auch verschärfte Beobachtung der Köraspiranten steht auf dem vollen Programm der beteiligten Tierärzte. Hier stehen zwei Wirkstoffgruppen auf der detektivischen Hitliste: Beruhigungsmittel und schmerzstillende Mittel verschiedener Art. „Gerade das Freispringen ist unwahrscheinlich beeinflussbar“, erläutert Dr. Bobel aus jahrzehntelanger Praxis. Würde ein Dopingfall automatisch das endgültige Aus für den Junghengst und eine mögliche Karriere in der Zucht bedeuten oder kann er wieder vorgestellt werden? „Das ist ein schwieriges Kapitel“, gibt Dr. Blobel zu, denn an einem Körplatz wie Neumünster ist es ganz sicher schwierig, den Schuldigen zu finden. Zu verantworten hat grundsätzlich der Besitzer jede Auffälligkeit.

Da Doping bzw. verbotene Medikation sich nicht auf gespritzte oder oral verabreichte Substanzen beschränkt, werden vor dem Freispringen die Bandagen tierärztlich kontrolliert. „Wenn die Pferdebeine  eingerieben werden, können wir das riechen und in den meisten Fällen die Substanz auch am Bein oder an der Bandage fühlen“, erläutert Dr. Bobel. „Die Hengstaufzüchter sind aus meiner Sicht aber nicht mit den Spitzenreitern, die derzeit für negative Schlagzeilen sorgen, in einen Topf zu werfen. Im Vergleich zu dem, was im großen Sport vor sich geht, ist die Zuchtszene glücklicherweise recht harmlos.“

Allerdings bedeuten kleinere Trainingsverletzungen oder leichte Erkrankungen in der Vorbereitungszeit, die tierärztlich behandelt werden, nicht automatisch das Aus für den betroffenen Junghengst. Erkrankte Tiere bekommen eine Medikationserklärung , auf der Datum  und Grund der Behandlung  verzeichnet sind. Kommen die Pferde in die Dopingkontrolle, bedeutet der Nachweis der erklärten Substanzen  kein Doping. Die Aussteller sind nach Erfahrung des Tierarztes über die Dopingproblematik ausreichend informiert. Trifft sie die Stichprobenauswahl, sind sie durch Unterzeichnung einer Erklärung ebenfalls im Bilde. Erhebliche Erkrankungen oder Verletzungen bedeuten jedoch auch aus Gründen des unvermeidbaren Trainingsausfalls eine Änderung der Pläne. Statt Neumünster lautet das Ziel dann möglicherweise Münster-Handorf.

In großen Vorbereitungsställen wie bei Helmar Bescht sieht man das Kontrollprozedere gelassen. „Mein Stall ist nie unbeobachtet“, sichert er die Vorbereitungszeit in Schlieckau ab. „Jede dopingrelevante Behandlung wäre zum Schaden der Pferde und wird bei uns kategorisch abgelehnt. Problematisch ist für die Pferdehalter allerdings, dass im Alltag vielen nicht klar ist, was ist Doping und was ist erlaubte Medikation. Nicht alle Besitzer wissen, wo die Grenzen verlaufen.“ Für Aussteller beinhalten die Aussagen der Tierärzte und Zuchtleiter zusammengefasst:
- Über Dopingsubstanzen und unerlaubte Medikation
  kann jeder Aussteller sich im Vorfeld informieren.
- Verordnungen wie die der FN und der Zuchtbuchordnungen
  sind nur dann wirksam, wenn ihre Einhaltung auch kontrolliert wird.
  Dabei geht es aber offensichtlich mehr um den Abschreckungseffekt
  als um die Wahrscheinlichkeit, Dopingsubstanzen zu finden.
- Tierärzte und Zuchtleiter stimmen weitgehend überein,
  dass Doping im Falle der Hengstkörungen sich durch Kontrollen
  weitestgehend verhindern lässt.

Dopingkontrollen in anderen Zuchtverbänden
Holstein:  In Holstein, wo das Erscheinen der Köranwärter zum Untersuchungstermin Anfang Oktober in Elmshorn Pflicht ist, nehmen Dr. Karl Blobel und Dr. Werner Jahn von der Pferdeklinik Bargteheide die Haarproben eigenhändig. Nach dem Zufallsprinzip wird ein gewisser Prozentsatz zur Analyse eingereicht.  Insbesondere bei den Holsteiner Springtalenten wird dominant auf Beruhigungsmittel geachtet. Sieger- und Prämienhengste der Holsteiner Körung müssen zwecks Abstammungsidentifikation ebenfalls noch einmal Haare lassen, so dass nach Aussage von Dr. Jahn 2008 insgesamt etwa 8 % der Holsteiner Köranwärter durch die Dopingkontrolle gingen.   
Dr. Werner Jahn, Tierarzt 

Hannover:  Der Hannoveraner Verband nimmt bei der Vorauswahl Haarproben aller ausgewählten Hengste, von denen etwa ein Drittel stichprobenartig sofort analysiert wird. Alle Proben werden jedoch aufbewahrt, so dass in möglichen späteren Verdachtsfällen bereits aussagekräftiges Material vorliegt. Der bisher einzige aufgetauchten Verdachtsfall wurde durch den Nachweis einer medizinischen Hustentherapie entkräftet. Während der Körung werden stichprobenartig, sowie in Verdachtsfällen Blutproben entnommen. Ulrich Hahne, Stellvertretender Zuchtleiter resümmiert: „Wir setzen vor allem auf die Präventivwirkung – und das mit offensichtlichem Erfolg. Seit etwa sechs Jahren werden bei uns Dopingkontrollen durchgeführt und die Junghengste sind seitdem deutlich weniger üppig …“    
Ulrich Hahne, Stellvertretender Zuchtleiter des Hannoveraner Verbandes

Oldenburg:  Routinemäßige Dopingkontrollen gibt es in Oldenburg im Vorfeld der Körungen bisher nicht. Getestet wurde während der Körtage vereinzelt in Verdachtsfällen, hier vor allem auf Beruhigungsmittel – bislang ohne positiven Befund. In diesem Jahr ist geplant, allen gekörten Hengsten eine Blutprobe zu entnehmen, die nicht zwangsläufig sofort analysiert, sondern zunächst eingefroren wird. Die Haarprobenentnahme zur Kontrolle von Anabolika lehnt Dr. Schulze-Schleppinghoff  aus Erfahrungsgründen ab. „Wir haben das Verfahren mittels Haarproben erprobt, sind aber der Auffassung, dass es uns nicht weiterbringt. Zum einen kann nur ein begrenzter Zeitraum überhaupt analysiert werden. Interessant wäre aber die gesamte Zeit beim Aufzüchter. Zum anderen gibt es keine verlässlichen Normwerte, die aber zur Verfügung stehen müssten, wenn wir Abweichungen festlegen wollten.“ So bleibt es in Vechta derzeit bei Verdachtsproben während der Körtage und der Entnahme von Blutproben der frisch Gekörten. „Eine Betreuung der Aufzüchter im Vorfeld würde ich sehr begrüßen, allerdings mehr unter Beratungs- als unter reinen Kontrollaspekten“, formuliert der Zuchtleiter in Oldenburg. „In einem solchen Programm hätten Haarproben eventuell einen Platz. Das wären Maßnahmen zur Optimierung der Aufzucht, für die allerdings die Zeit wohl noch  nicht reif ist.“
Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff, Zuchtleiter

 

SUMMARY
2009 could well mark a turning point for equestrianism. At present we cannot foresee the effects the doping cases in elite sports will have not only for equestrianism but for all branches of the horse industry. How does the Trakehner Verband meet the doping risk in the run-up of and during the Hengstmarkt? Quite proactive, in comparison, says veterinary practitioner Dr.Karl Blobel. More than 10 years ago, the Trakehner Verband pioneered anti-doping tests around the stallion licensing procedure. The Holsteiner Association followed suit, and only then did Hanover, the largest German riding horse association, and, by now, most other horse breeding societies, join in. For breeding stock there is also a clear ban on doping. The Breed Society Guidelines (Zuchtverbandsordnung /ZVO) established by the German Equestrian Federation (FN) stipulate medication rules with regard to licensing procedures and form an integral part of the articles and stud book regulations of all German horse breed associations. They also stipulate rules on controlling medication. In terms of criminal law, the doping of breeding stock would be seen as fraud, thus involving considerable fines. “The Trakehner Verband is still one of the associations taking greatest pains to control drugs in the run-up and during the licensing procedure“, says Dr. Karl Blobel.

In a year of increased public attention, the Trakehner Verband is again taking a proactive stance and will significantly intensify anti-doping tests. Hair samples will be taken from all colts accepted for the licensing procedure, analysis will be carried out on about 20. A reliable method to detect several foreign substances (anabolic steroids) administered up to 6 months ago, hair analysis is considered as pretty conclusive by veterinarians. Nationwide, fife veterinary practitioners will drop in on fife training facilities unannounced, taking blood samples due for immediate analysis from the colts being prepared there. As before, Neumünster will provide a doping stall as well, at random subjecting 5 stallion candidates to urine sampling. These samples are tested for two categories of active agents, sedatives and pain killers of all sorts. So this year a total of 30 horses, which means about every other colt, will be tested for drugs.

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